Er gleitet am Eiger vorbei, er nimmt Kurs Richtung Faulhorn und schwebt sanft über die Schynige Platte hinweg. «Dieses Gefühl ist unbeschreiblich», sagt Eugen Künzi. Seine Augen leuchten wie die eines kleinen, verspielten Jungen. Das ist in seinem Fall nicht gottgegeben. Eugen Künzi hat alles andere als eine einfache Kindheit erlebt.

Eineinhalb Stunden nach dem Start oberhalb von Grindelwald landet der 85-Jährige sicher in Interlaken. Business as usual in der Fliegersprache. Künzi nennt es Routine. Wenn er von seinen Flugerlebnissen erzählt, klingt das nicht nach Koketterie. Das hat er in seinem Alter nicht mehr nötig. Das Berner Oberland ist sein Revier. Hier hat Eugen Künzi die Lufthoheit. Hier absolvierte der Würenlinger Hunderte von Flügen. Hier kennt man den Mann, der mit seiner drahtigen Postur und seinen markanten Gesichtszügen an den Bergpionier Luis Trenker erinnert.

Eugen Künzi

Eugen Künzi

Eugen Künzi kommt im Juni 1930 zur Welt. Er ist das mittlere von fünf Kindern. Die familiären Verhältnisse sind prekär. Der Vater ist krank, er landet in einer Pflegeanstalt. Die Mutter. Für einen kurzen Moment verfinstert sich der Blick von Eugen Künzi. «Nein, ich bin ihr nicht böse. Heute gäbe es die Sozialfürsorge», sagt er entschuldigend. Als er fünf ist, muss er ins Heim. Wie seine Geschwister.

Sofern die Verhältnisse stabil bleiben, absolviert Eugen Künzi in diesem Herbst seinen 2000. Flug. Mit grosser Wahrscheinlichkeit ist er – mit der Immatrikulationsnummer 14 199 – der älteste Gleitschirmspringer der Schweiz, vielleicht sogar weltweit. In Grindelwald ist er bis letztes Jahr mit einem Mann gesprungen, der den gleichen Jahrgang hatte wie er. Dieses Jahr hat er ihn nicht mehr gesehen.

Dunkles Kapitel der Geschichte

Es ist ein dunkles Kapitel Schweizer Geschichte. Künzi ergeht es wie vielen anderen Kindern in dieser Zeit. Zehntausende vorwiegend aus verarmten Familien oder aus Waisenhäusern werden von den Behörden abgeholt und auf Bauernhöfe verteilt. Dort werden sie zur Arbeit gezwungen, als Dienstmagd oder Verdingbub ausgebeutet, teilweise misshandelt. Auch Eugen Künzi.

Ehefrau Hildegard setzt sich neben ihren Eugen und nimmt seine Hand. «Ein bisschen verrückt ist er schon. Aber man muss ihn machen lassen», lacht sie. Sie, 80 und kaum eine Falte im Gesicht, weiss, dass sie ihren Mann nicht bremsen kann, nicht darf. Zu gut kennt sie ihn. In diesem Jahr haben sie ihren 60. Hochzeitstag gefeiert. «Das ist die diamantene», sagt Eugen Künzi und schaut zu Hildegard. Das Fest fand im Kreis der Familie statt. In Bad Zurzach. Mit den vier Kindern und den sechs Enkeln.

Der kleine Eugen landet auf einem Bauernhof in Freienwil. «Es war eine schlimme Zeit.» Mehr will er nicht sagen. Er wurde ausgenutzt, gedemütigt, geschlagen. «Mein Glück war, dass ich in meinem Leben immer positiv blieb. Auch in den weniger schönen Zeiten.» Sein Ansporn war stets zu beweisen, dass auch aus einem Verdingbub etwas werden kann. Künzi machte seinen Weg. Er schloss seine Schlosserlehre in Wettingen ab und arbeitete 40 Jahre bis zu seiner Pension 1992 am Paul-Scherrer-Institut als Haustechniker.

Auf Wiedergutmachung verzichtet

Eine Volksinitiative forderte 2014 für die Verding- und Heimkinder, administrativ Versorgte, Zwangssterilisierte und -adoptierte eine finanzielle Wiedergutmachung von 500 Millionen Franken. Schätzungen zufolge leben heute noch mindestens 20 000 Opfer. Würde man die halbe Milliarde auf sie verteilen, blieben pro Kopf 25 000 Franken. Eugen Künzi wird zeitlebens keinen Franken erhalten. Nachdem er erfahren hatte, wie hoch die bürokratischen Hürden sind, hat er verzichtet. Er hat einen Schlussstrich gezogen und Frieden geschlossen.

Gibt es noch unerfüllte Träume? Eugen Künzi möchte nicht zu weit vorausplanen. «Es wäre schön, wenn wir noch ein paar Jahre zusammen hätten», sagt er und schaut zu Ehefrau Hildegard. Sie würde gerne eine Kreuzfahrt unternehmen. Er nickt und lacht, wie der kleine, unbekümmerte Junge. Solange er am Eiger vorbeigleiten kann, ist seine Welt in Ordnung.