Swissair 330

Flugzeugabsturz von Würenlingen: Der ungesühnte Terroranschlag

Heute vor 45 Jahren stürzte bei Würenlingen eine Swissair-Maschine ab – es war ein Bombenattentat. Zeitzeuge Arthur Schneider berichtet, wie er den Absturz und die darauffolgenden Stunden erlebte.

Welcher Skispringer gerade auf der Schanze war, daran kann sich Arthur Schneider nicht mehr erinnern. Er weiss aber noch genau, dass am 21. Februar 1970, kurz nach 13.30 Uhr, im Fernseher die Skisprung-WM aus der Tschechoslowakei übertragen wurde. Es war kalt, es war neblig, und viele Würenlinger sassen in der gemütlichen Stube, als es knallte. Die Fensterscheiben klirrten – eine Druckwelle wars.

«Ich ging auf den Balkon, wir wohnten damals im Würenlinger Oberboden. Über dem Unterwald sah ich eine schwarze Wolke. Sie lag in Richtung des heutigen Paul-Scherrer-Instituts, deshalb dachte ich: Denen hats bei einem Experiment etwas ‹verjagt›. Ich ging wieder rein, um die nächsten Springer zu sehen. Und plötzlich hörte man von überall her Sirenen – das ging ganz schnell.»

Was der damalige Gemeinderat Schneider zu diesem Zeitpunkt nicht weiss: Soeben haben 47 Menschen den Tod gefunden. Wenige hundert Meter vom Dorf entfernt ist ein Swissair-Passagierflugzeug abgestürzt und explodiert. 300 Meter neben dem Atomforschungsreaktor. 900 Meter neben dem Kernkraftwerk Beznau. «Wäre die Maschine auf den Reaktor gestürzt, wäre es unter Umständen zu einer Kontamination der nahen Umgebung gekommen», sagt ein Lehrer für Strahlenschutz am Institut für Reaktorforschung später. «Aber der Explosionsdruck in unmittelbarer Nähe des Atomzentrums alleine hätte nicht genügt, um den Reaktor zu zerstören.»

Die Coronado – Flugnummer SR 330 – war eine Viertelstunde vor dem Absturz in Kloten gestartet. Ziel: Tel Aviv. Nach wenigen Minuten detoniert im Frachtraum eine mit einem Höhenmesser versehene und als Postsendung nach Jerusalem getarnte Bombe. Es kommt zum Brand. Captain Karl Berlinger meldete via Funk einen Druckabfall, will zurück nach Kloten. Dort machen sich die Rettungskräfte bereit. Aber Flug 330 kommt nie an. Nach und nach fallen Navigationsgeräte und Strom aus. «Emergency», meldet Berlinger um 13.33 Uhr an den Tower, «we have smoke on board. We can’t see anything». Eine halbe Minute später kommt der letzte Funkspruch. Es ist Co-Pilot Armand Etienne, der sagt: «330 is crashing. Goodbye everybody. Goodbye everybody.»

«Goodbye everybody»: Der Original-Funkspruch vom Swissair-Absturz 1970 bei Würenlingen.

«Goodbye everybody»: Der Original-Funkspruch vom Swissair-Absturz 1970 bei Würenlingen.

Die Verzweiflung in Etiennes Stimme ist entsetzlich. Seine letzten Worte sind, wie der gesamte Funkverkehr der SR 330, im Internet einhörbar. Auch Arthur Schneider kennt die Aufnahme. 45 Jahre nach der Katastrophe sitzt das Würenlinger Polit-Urgestein an seinem Wohnzimmertisch. Dieser ist voll mit Ordnern, Fotoalben, Untersuchungsberichten. 40 Jahre lang war Schneider Lokalpolitiker, erst Gemeinderat, dann Ammann. Er hat jeden Informationsfetzen zum Absturz der Coronado gesammelt – und schreibt jetzt ein Buch darüber.

«Als ich die Sirenen hörte, bin ich ins Auto gestiegen und Richtung Unterwald gefahren. Ich war ja Gemeinderat und dachte, ich kann vielleicht helfen – wobei wusste ich selber noch nicht, man hatte ja erst keine Ahnung, was passiert war. Mein Auto parkierte ich am Waldrand und ging in Richtung der Wolke. Als ich die erste abgerissene Hand sah, wusste ich, da ist etwas Gröberes passiert.»

Bei ihrem Absturz streift die Coronado mit dem linken Flügel die Bäume. Die vollgetankte Maschine überschlägt sich und explodiert. Was übrig bleibt, sind Trümmer, deformierte Gepäckstücke, Kleiderfetzen. Leichenteile, von 2400 Stücken ist im Untersuchungsbericht die Rede. Keiner der Passagiere konnte identifiziert werden. Später wurde in die Särge Erde aus dem Wald gelegt.

Die ersten Fernsehbilder vom Absturz schockieren: Doku über das Swissair-Attentat 1970 bei Würenlingen.

Die ersten Fernsehbilder vom Absturz schockieren: Doku über das Swissair-Attentat 1970 bei Würenlingen.

«Hinter der Rettungskolonne kam der Tross der Zuschauer. Erwachsene, Kinder, alte Frauen an Krücken, von überall her. Man hatte ja nichts Besseres zu tun an diesem Samstag. Es gab ein totales Verkehrschaos in Würenlingen, man hat einen Haufen Polizisten einsetzen müssen, nur um die Schaulustigen fernzuhalten. Man muss sich das mal vorstellen, sie haben ihr Auto irgendwo abgestellt und sind in den Wald gelaufen. Einfach so, über Leichenteile hinweg. Ob es klug war, dass man via Radio und TV nur wenige Minuten nach dem Absturz international darüber berichtet hat?»

Der damalige Gemeindeammann, Ernst Meier, ist laut Schneider zum Zeitpunkt des Absturzes unterwegs in die Skiferien auf der Rigi. Als er ankommt, weiss man dort bereits aus den Medien von der Katastrophe. Meier fährt augenblicklich wieder zurück, direkt zum Absturzort. Nach wenigen Minuten findet er am Boden einen Personalausweis und hebt ihn auf. Er gehört Captain Berlinger – einem Rotary-Club-Kollegen Meiers.

Unter den Effekten der Passagiere hatten sich – neben dem üblichen Reisegepäck – auch viel Bargeld, Schmuck und Goldbarren befunden. Wie viel davon in den Stunden und Tagen nach dem Absturz in den Taschen der Schaulustigen und «Helfer» verschwindet, ist schwer zu sagen. Fakt ist: Die Polizei musste eine Rückrufaktion starten und die Leute bitten, man solle die entwendeten Sachen doch bitte wieder zurückbringen, sie würden für die Ermittlungen gebraucht.

«Da steckten Kafilöffeli von der Bordküche in einem Baum. Es gab Leute, die haben sie rausgezogen und als Souvenir mitgenommen. Ein anderer hat von einer Hand berichtet, die er gesehen hat. Erst mit einem Ring, ein paar Minuten später ohne Ring. Das lehrt einen schon, dass es allergattig Leute gibt.»

Arthur Schneider hat für sein Buch nicht nur auf im Laufe der Jahre gesammelte Dokumente zurückgegriffen. Via Medien hatte er nach Zeitzeugen gesucht. Bis jetzt hat er die Erinnerungen von 18 Personen schriftlich vorliegen, ein paar wenige fehlen noch. Darunter befinden sich viele Ersthelfer, die nicht mehr helfen konnten – nur noch einsammeln: Leichenteile in Plastiksäcke, Flugzeugtrümmer in Kübel. Helfer, die bis heute bei jedem tieffliegenden Flugzeug an diese Bilder denken müssen.

«Wenn Sie in den Wald geschickt werden, um Leichenteile von den Bäumen einzusammeln, vergessen Sie das nicht mehr. Niemand war darauf vorbereitet, und Care-Teams für die Nachbereitung gab es damals erst recht nicht. Aber es ist erstaunlich, wie wenige Schweizer überhaupt von diesem Absturz wissen. Auch deshalb schreibe ich dieses Buch. Ich will die gesammelten Unterlagen dem normalen Leser in konzentrierter Form zugänglich machen, Eindrücke formulieren, Akteneinsicht geben. Auch für die Hinterbliebenen. Die Opfer waren ja Menschen mit Familien, es gab über 50 Halbwaisen.»

Mit dem Sohn von Captain Karl Berlinger hat Schneider viel Kontakt. Er war erst acht Jahre alt, als das Flugzeug abstürzte. Er wolle wissen, ob die Mörder seines Vaters noch frei herumlaufen, sagt Schneider. Denn dass das Verbrechen – der grösste Terroranschlag, den die Schweiz je erlebt hat – nie gesühnt wurde, treibt viele Leute um. Dabei wussten die Ermittler bereits wenige Tage nach dem Absturz, welche Männer hinter dem Attentat steckten.

Eine Untersuchung von Wolfgang Kraushaar unter dem Titel «Wann endlich beginnt bei Euch der Kampf gegen die heilige Kuh Israel?» über die antisemitischen Wurzeln des deutschen Linksextremismus wirft neues Licht auf den Absturz einer Swissair-Maschine bei Würenlingen.

Eine Untersuchung von Wolfgang Kraushaar unter dem Titel «Wann endlich beginnt bei Euch der Kampf gegen die heilige Kuh Israel?» über die antisemitischen Wurzeln des deutschen Linksextremismus wirft neues Licht auf den Absturz einer Swissair-Maschine bei Würenlingen.

«Die Bundesbehörden haben sich miserabel verhalten. Die ermittelnde Staatsanwaltschaft Bülach hat einen Top-Job gemacht, den Bericht bei der Bundesanwaltschaft eingereicht – und dann geschah nichts mehr, der Fall wurde zum Rohrkrepierer. 2000 hat die Bundesanwaltschaft das Verfahren still und heimlich eingestellt, ohne dass die Hinterbliebenen der Opfer informiert wurden. Dabei kann man ja eben nicht sagen, man habe die Täter nicht erwischt – man wusste ja, wer es war! Heute müssten die Bundesbehörden doch das Füdli haben, um zu sagen, warum man damals nicht weiter ermittelt hat. Vermutlich hatte die Schweiz Angst vor weiteren Anschlägen oder wurde sogar erpresst. Dafür könnte man ja sogar Verständnis aufbringen. Aber einfach nichts sagen, und noch heute ein Geheimnis darum machen? Das ist nicht sauber.»

Schneiders Buch ist bald druckreif; der Würenlinger sucht derzeit noch nach Sponsoren. Wenn sein Werk fertig ist, will er jedem Parlamentarier in Bundesbern ein Exemplar schicken – weil auch er nicht akzeptieren kann, dass der Fall im Sand verlief, nachdem er eigentlich schon aufgeklärt war.

«Das Buch mag auch ein Denkanstoss sein: Wir sind in der Schweiz nicht so sicher, wie wir glauben. Das war damals so, und das ist heute nicht anders.»

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