Serie «Grenzgeschichten»

Fluglärm im Grenzgebiet schlägt hohe Wellen

In der ersten Geschichte gehts um Fluglärm im Grenzgebiet und die Beziehung von Deutschland und der Schweiz.

In der ersten Geschichte gehts um Fluglärm im Grenzgebiet und die Beziehung von Deutschland und der Schweiz.

Beim Fluglärm befürchten der Aargau und das Zurzibiet eine starke Belastung. Auch den Konflikt um die Belastung deutscher Hochrhein-Gemeinden durch den Flughafen Zürich-Kloten zu lösen, endete mit einer Bruchlandung.

Grenzgeschichte

Grenzgeschichte

Keine leisen Töne um den Fluglärm (von Hans Lüthi, Aargauer Zeitung)

Dem Surbtal drohen künftig täglich Weckflüge und Schlafkiller: Beim Fluglärm befürchten der Aargau und das Zurzibiet eine massiv stärkere Belastung. Von allen Nachbarn des Zürcher Flughafens ist der Aargau am stärksten betroffen. Durch die Abflüge via Mutschellen in den Süden und durch Warteräume und Anflüge via Fricktal und das Zurzibiet.

Zentral sind heute drei Bereiche: der für den Nordaargau in den Randzeiten ruhige Istzustand, die drohende Lärmbelastung mit dem offenen Staatsvertrag und der künftige Flugbetrieb.

Als die Schweiz einen ersten Staatsvertrag ablehnte, verordnete Deutschland einseitig Sperrzeiten. Konkrete Folge: keine Nordanflüge von 21 bis 7 Uhr während der Woche und sogar von 20 bis 9 Uhr an Wochenenden. Zu diesen Zeiten hat auch das lärmgeplagte Zurzibiet Ruhe vor dem Fluglärm, der naturgemäss am frühen Morgen und am späten Abend die Menschen am stärksten stört. Umso grösser fielen die Proteste im Süden des Flughafens aus, dessen Bevölkerung heute die Weckflüge von 6 bis 7 Uhr zu tragen hat. Die Südschneiser wollen keine Anflüge und ihre ruhigen Wohnlagen geniessen. Die Aargauer Regierung wehrt sich nur gegen eine allzu einseitige Belastung.

Der von der Schweiz ratifizierte neue Staatsvertrag ist ein Kompromiss: Die Nachbarn sind bereit, Anflüge schon eine halbe Stunde früher ab 6.30 Uhr zuzulassen. Dafür soll ab 18 Uhr generell die ganze Woche Ruhe sein, woran auch die Zurzibieter Freude hätten. Aber mit einem satellitengestützten gekröpften Nordanflug soll ab 2020 von 6 bis 6.30 Uhr via Surbtal gelandet werden.

Als Alternative sehen Bund und Flughafen weiterhin Südanflüge vor. Weil der Staatsvertrag ein gewisses Wachstum erlaubt, wären dereinst wieder 100 000 Nordanflüge möglich. Die Süddeutschen pochen aber auf höchstens 80 000 Anflüge jährlich. Darum will Deutschland Nachverhandlungen, die Schweiz sieht keinen Grund dazu. Ausgang und Folgen sind völlig offen.

Kommt dazu: Das Konzept benötigt längere Pisten, gegen die es im Kanton Zürich Widerstand gibt. Beim künftigen Betrieb sind alle Nachtstarts ab 22 bis 23.30 Uhr Richtung Norden und dann primär via Surbtal geplant. Der Aargau hat dem zugestimmt, um die Region Mutschellen entlasten zu können. Aber nur bei Verzicht auf den gekröpften Nordanflug. Sonst drohen dem Surbtal jeden Tag die Weckflüge am Morgen und die Schlafkiller am späten Abend. Eine Doppelbelastung, die für keine Region zumutbar ist.
von Hans Lüthi

Im Fluglärmstreit ist kein Ende abzusehen (Von Roland Gerard, Südkurier)

Der jüngste Versuch, den seit Jahrzehnten schwelenden Konflikt um die Belastung deutscher Hochrhein-Gemeinden durch den Flughafen Zürich-Kloten zu lösen, endete mit einer Bruchlandung. Der umstrittene Staatsvertrag von 2012 hat praktisch keine Chance mehr, durch den Deutschen Bundestag ratifiziert zu werden. Zu gross sind die Nachteile, die auf badischer Seite in dem Abkommen gesehen werden. Bislang ist offen, ob und wann es Nach- oder Neuverhandlungen gibt.

Eines jedoch hat der Staatsvertrag bereits bewirkt: Die Bürgerbewegung der Fluglärmgegner auf deutscher Seite ist zumindest formal geschwächt. «Widerstand gegen den desaströsen Staatsvertrag ist zwecklos», erklärte am 27. Oktober 2013 in einer Medienmitteilung der Vorstand der Bürgerinitiative Flugverkehrsbelastung Landkreis Waldshut. Drei Tage später folgte die Auflösung des Verbands, der über 100 Mitglieder zählte.

Seither ist die grösste und einzige Gruppierung von Fluglärmgegnern, die am Hochrhein in Vereinsform organisiert war, Geschichte. Jetzt greifen Protagonisten um das einstige Vorstandsteam immer wieder mal in Form eines «Bürgerbrief Flugbelastung» in die Debatte ein. Und nach wie vor gibt es Initiativen in Hohentengen und Klettgau, den mit am stärksten betroffenen Gemeinden. Der harte Kern begrenzt sich auf je fünf bis sieben Aktivisten.

Eine davon ist Rosemarie Hartmann. Sie lebt in Klettgau-Geisslingen, einem Dörfchen mit 950 Einwohnern. Die 51-jährige Erzieherin, die für die Grünen im Gemeinderat sitzt: «Wir wissen, dass es schwierig ist, die Leute zu mobilisieren. Viele haben sich an den Lärm gewöhnt.» Dabei sei es nicht nur der Krach, der Kopfzerbrechen bereitet. Die Mutter von vier Kindern verweist auch auf die Schadstoffe, die über der Hochrheinlandschaft niedergingen.

Politischen Rückhalt finden die Protestbürger in der regionalen Politik. Als ein FDP-Bundestagskandidat vor zwei Jahren die Belastung durch den Flughafen Kloten relativieren wollte, blieb dies eine Einzelmeinung. Konsens unter Mandatsträgern ist die sogenannte Stuttgarter Erklärung aus dem Jahr 2009. Darin wird unter anderem eine Begrenzung der Anflüge auf jährlich 80 000 gefordert. Demgegenüber schweben über Hohentengen 680 bis 800 Meter tief rund 105 000 Maschinen pro Jahr ein, berichtet Bürgermeister Martin Benz. Das ist ein grosser Teil der jährlich etwa 135 000 Anflüge auf Kloten.

Von Nachverhandlungen zum Fluglärm-Abkommen hält Benz nichts: «Der Vertrag gehört in den Papierkorb.» Zwar betrifft das Fluglärmproblem zwei Staaten. Doch es handelt sich nicht allein um einen Länderkonflikt zwischen Deutschland und der Schweiz. Auch in Schweizer Gemeinden kämpfen Bürger gegen die Flüge und fordern eine andere Verteilung der Belastungen. Martin Benz: «Das Problem hört an der Landesgrenze nicht auf.»

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