Das Wort Abenteuer vermag nur ansatzweise zu beschreiben, was die beiden 25-jährigen Lukas Mathis und Manuel Meier letzten Sommer erlebt haben. Gemeinsam haben die beiden guten Freunde 1870 Kilometer innert 59 Tagen und 20 Stunden hinter sich gebracht – zu Fuss und mit einem Boot. Diese Wanderung, wenn man es überhaupt Wanderung nennen kann, haben sie in Alaska absolviert. Konkret: Sie haben die Bergkette Brooks Range traversiert. Ferien würden das wohl nur wenige nennen, Manuel Meier sagt: «Es war die totale Entleerung des Gehirns.»

Tag 4 – Flusswanderung

Distanz: 32 km. Marschzeit: 8 h. Wetter: leicht bewölkt. Temperatur: 4 °C. kalt aber trocken heute. wandern entlang kongakut river. riesiges flussbett. viel auf eis. hoffen auf waerme.

Vorausgegangen ist diesem Gewaltmarsch eine akribische Vorbereitung. Als Manuel Meier vor vier Jahren in 82 Tagen mit dem Tourenvelo von San Francisco nach Alaska fuhr, spukte die Idee von der Traversierung der Brooks Range bereits in seinem Kopf herum. Zwei Jahre später konkretisieren sich die Pläne. Mehr noch: Er kann seinen guten Freund Lukas Mathis als Begleiter dazugewinnen.

Sie machen sich an die Routenplanung. Als «perfektionistisch» beschreiben Meier und Mathis diese. Denn Wanderwege gibt es in diesem Gebiet keine. Es ist die pure Wildnis. Und genau diese lockt die zwei jungen Ingenieure. «Eine solche Wildnis gibt es bei uns nicht mehr», sagt Mathis. Es ist der Pioniercharakter der Reise, der die Männer lockt: Nicht zu wissen, was am nächsten Tag auf einen wartet, täglich eine neue Herausforderung.

Tag 7 – Hoch hinaus

Distanz: 35 km. Marschzeit: 9 h. Wetter: leicht bewölkt. Temperatur: 9 °C. mussten schnee schmelzen da kein wasser. zwei paesse gequert mit viel schnee ging aber gut. waermer heute. erstmals seit start regentropfen und nicht schneefall. konnten uns am abend sogar waschen bei sonnenschein.

Deshalb war es auch notwendig, auf alle möglichen Ereignisse vorbereitet zu sein. Ein Jahr vor der Traversierung organisieren die beiden die Logistik. Zweimal werden sie von einem Kleinflugzeug und zweimal in einem Inuit-Dorf mit Essen versorgt, das sie vor der Reise abpacken. 4000 Kalorien pro Tag rechnen Meier und Mathis ein. Das Zmorge besteht aus Milchpulver, Granola-Müesli und Haferflocken, die mit Mandel- und Erdnussbutter angereichert werden. Unterwegs essen die Abenteurer viele Nüsse, M & Ms, Riegel, Schokolade, Blevita, Trockenfleisch, getrocknete Früchte und Beeren. Und zum Znacht gibts als einzige warme Mahlzeit am Tag dehydrierte Menüs oder Instant-Nudeln. Der Vorteil: Das alles ist relativ leicht im Rucksack zu tragen.

Tag 13 – Spätstart

Distanz: 32 km. Marschzeit: 7 h. Wetter: regnerisch. Temperatur: 10 °C. warteten bis 13.30 in zelt da regen. jetzt viel wasser. mehrere huefttiefe flussquerungen wegen maeandrierendem flusslauf. wanderten bis 21.00 ist ja immer hell. morgen nahrungs nachschub.

Perfektionistisch war auch die Planung des Materials. Vieles haben die beiden auf ihren Touren in der Schweiz getestet. Denn Meier und Mathis sind Tourenleiter beim SAC Brugg. Bis aufs Gramm optimiert haben sie das Gewicht, das sie im Rucksack mittragen. Jeden Gegenstand, den sie mitnehmen wollten, haben sie gewogen. Auf Teller beispielsweise haben sie verzichtet. Die Pfanne und zwei Löffel sowie eine Gabel mussten reichen. Wobei das mit nur einer Gabel ein Versehen war, wie die beiden schmunzelnd zugeben. Die persönliche Ausrüstung beläuft sich auf ca. 7 kg, die gemeinsame Ausrüstung auf rund 7,5 kg. Zu den knapp 9 kg pro Rucksack kommen bis zu 12 kg Nahrung.

Meier und Mathis wanderten einmal quer durch Alaska.

Meier und Mathis wanderten einmal quer durch Alaska.

Tag 20 – Mitte

Distanz: 34 km. Marschzeit: 10 h. Wetter: sonnig. Temperatur: 15 °C. heute mitte von geplanter wanderstrecke erreicht. erstmals kopfnetz gebraucht wegen muecken. bei mittagessen grizzly mit zwei diesjaehrigen jungen beobachtet. am abend chandalar river gequert war sehr breit und braun.

Die Vorbereitung also könnte besser nicht sein. Am 8. Juni wandern Manuel Meier und Lukas Mathis los. Mit einem Satellitentelefon melden sie sich täglich bei der Familie. Diese ist auch im Besitz eines sechsseitigen Sicherheitskonzepts, das Manuel Meier und Lukas Mathis – offengestanden – eigentlich nur zur Beruhigung ihrer Nächsten erstellt haben. «Von mir aus hätten wir auch ohne Telefon losgehen können», stellt Manuel Meier fest.

Tag 24 – Dalton, wir kommen

Distanz: 36 km. Marschzeit: 10 h. Wetter: sonnig. Temperatur: 19 °C. koennen schon fast die trucks hoeren. werden morgen wohl strasse erreichen wo neue schuhe essen etc in blockhuette auf uns warten. ruhetag geplant montag. heute an versch orten zu viel abfall zum mittragen gefunden. sehr schade. elchkuh gesehen.

Bald stellt sich heraus: Nicht etwa die Route oder der Schnee sind die grösste Herausforderung, sondern körperliche Probleme, obwohl beide gut trainiert sind. Der Juni 2018 in Alaska ist ungewöhnlich kalt und es fällt ungewöhnlich viel Schnee. Lukas Mathis hat bald Schmerzen an den Knöcheln, kämpft mit Entzündungserscheinungen. Er weigert sich zuerst, Medikamente zu nehmen. Zwei Tage zu pausieren, kommt aber genauso wenig infrage, weil sonst die Nahrungsrationierung nicht aufgeht. Also doch Medikamente. Dennoch plagt ihn das schlechte Gewissen. «Weil es mir nicht gut geht, bremse ich den anderen aus», denkt sich Lukas Mathis. Später unterwegs trifft es auch Manuel Meier. Zwei Tage lang wandert er mit Fieber und hofft innerlich, dass er «nicht richtig krank wird». Ansonsten würde nämlich das Worst-Case-Szenario umgesetzt: die Evakuierung durch ein Flugzeug. Das passierte einem Frauen-Team mit Profisportlerinnen, das einige Tage nach Manuel Meier und Lukas Mathis die Traversierung in Angriff nahm.

Tag 42 – Adieu wandern

Distanz: 27km. Marschzeit: 7h. Wetter: stark bewölkt. Temperatur: 15°C. es ist geschafft. haben noatak river erreicht und wanderung nach 42 tagen und 1200 km ist wanderabschnitt zu ende. ein komisches gefuehl. warten nun auf versorg flug. boot ist nun in bettles. sollte in naechsten 48h hier sein.

Wenn beide an ihre körperlichen und psychischen Grenzen kommen, ist es umso wichtiger, dass klar kommunziert wird. «Eine solche Wanderung ist der beste Ehevorbereitungskurs», witzelt Manuel Meier. Jeden Abend machen die beiden eine Feedbackrunde. Zu grossen zwischenmenschlichen Problemen kommt es aber nicht. «Wir sind schliesslich aufeinander angewiesen», sagt Lukas Mathis.

Tag 46 – Stromschnellen

Distanz: 47km. Marschzeit: 8h. Wetter: leicht bewölkt. Temperatur: 17°C. heute mehrere sektionen mit stromschnellen. kein problem da hoher pegel. nur einzelne steine aber hohe wellen. nationalpark nach 18d verlassen. waehrend znacht besuchte uns polarfuchs und kam bis auf 3 m heran. sonst wenig tiere hier.

Die Entbehrungen zerren an den Nerven. Da hilft es, an Dinge zu denken, die man vermisst. Die beiden führen eine physische Liste von den Dingen, die sie gerne hätten. Es ist eigentlich nur Essen darauf: Salatbuffet oder Älplermagronen beispielsweise. Auf einer solchen Reise kommen die grundlegendsten Bedürfnisse zum Vorschein: Nahrung und eine geeignete Unterkunft. Obwohl beide an Fussball interessiert sind, mögen sie gar nicht recht daran denken, was die Schweizer Nationalmannschaft an der Weltmeisterschaft in Russland wohl gerade so treibt.

Mit der Zivilisation kommen sie unterwegs in zwei Inuit-Dörfern in Berührung. Ansonsten pure Natur, überwältigende Landschaft, unwegsames Gelände. Es ist das, was Manuel Meier und Lukas Mathis gesucht haben. Es ist die Einfachheit des Lebens: laufen, essen, schlafen.

Tag 50 – Fische

Distanz: 42 km. Marschzeit: 8 h. Wetter: stark bewölkt. Temperatur: 17 °C. aus versehen sehr nahe an chillenden baer ran gepaddelt. lag auf kiesbank wie stein. sehr helles fell fast weiss. an muendung von anisak river 2 gr fische gefangen. grilliert in alufolie zum zn8. festspeise. seltenes saettigungsgefuehl.

Einen Schreckmoment haben die beiden, als sie realisieren, dass das Boot nicht am vereinbarten Treffpunkt ankommt. Sie schränken sich beim Essen ein, sparen die Nahrung. Der Hunger nagt. Dann folgt die Erlösung: Das Boot, mit dem sie den Rest der Reise bewältigen wollen, findet schliesslich doch noch den Weg zu ihnen. Ab jetzt beginnt die «Kreuzfahrt», wie es Manuel Meier und Lukas Mathis nennen. Es ist der Teil, der wesentlich weniger anstrengend ist.

Tag 55 – Labyrinth

Distanz: 48 km. Marschzeit: 7 h. Wetter: stark bewölkt. Temperatur: 17 °C. in nacht riss uns vorbei galoppierender elch aus schlaf. trotz bewoelkung sehr warm heute. wichen mit glueck grossen regenfronten aus. fluss nun extrem breit und veraestelt. karten sehr ungenau. landeten versehentlich in sehr seichtem seitenarm.

Am 7. August erreichen die beiden Abenteurer das Ziel, die Siedlung Kotzebue. Sie geniessen die erste richtige Dusche nach 60 Tagen in der Wildnis. Mit 24 Jahren sind sie die jüngsten Personen überhaupt und unter den ersten Europäern, welche die gesamte Brooks-Range-Traverse von der kanadischen Grenze bis zur Beringstrasse erfolgreich gemeistert haben.

Tag 62 – Kotzebue

Distanz: 6km. Marschzeit: 3h. Wetter: leicht bewölkt. Temperatur: 12°C. Trotz anhaltenden Winden nach Kotzebue gerudert. Irgendwann waren Winde zu stark und wir mussten Boot entlang von Ufer ziehen. Dann schleppte uns ein Fischer noch den letzten km bis in die Bucht ab. Es ist vollbracht.