Falsche Perserteppiche, so weit das Auge reicht, darauf verteilt einzelne Kissen, an der Wand Böcklins «Toteninsel», seitlich ein altes Piano mit metallenen Kerzenhaltern über der Tastatur: Der Kaiserbühne-Keller präsentierte sich zwischen einem Salon der gehobenen Gesellschaft und einer Variété-Kaschemme der 20er-Jahre.

Massimiliano Matesic in perfekt sitzendem Frack, das Haar mit Brillantine hochglänzend aus der Stirn gekämmt, entführte das Publikum in einem kurzen Exkurs auch mental in die Zeit der Weimarer Republik, in den sozialen und kulturellen Aufbruch zwischen den Nachkriegs-Krisenjahren und dem Beginn des braunen Sumpfes. Dann nahm er Platz am Klavier – ein wunderbarer Abend mit Texten, Gesang und Musik begann. Der Titel war vom weltberühmten Chanson «Ich bin von Kopf bis Fuss auf Liebe eingestellt» ausgeliehen, mit dem Marlene Dietrich als Lola 1930 im Schwarz-Weiss-Film «Der Blaue Engel» Professor Rath um den Verstand brachte.

Steiner trug Tucholsky-Prosa vor

Um den Verstand gebracht wurde das Kaiserbühnen-Publikum am Donnerstag nicht. Wohl aber in Wechselbäder getaucht zwischen schmunzeln, schwelgen und seufzen. Zum Pianisten gesellten sich die Sängerin Maria Gerter und der Schauspieler Peter Niklaus Steiner. Dicht an dicht folgten sich Musik und Wort, sich mal grossartig ergänzend, mal spannend kontrastierend. Steiner, «nebenbei» auch Theaterleiter, trug vorwiegend Prosa von Kurt Tucholsky vor, begann aber mit einem Gedicht: «Sag mal, verehrtes Publikum: Bist du wirklich so dumm? Ja dann, es lastet auf dieser Zeit der Fluch der Mittelmässigkeit. Hast du so einen schwachen Magen? Kannst du keine Wahrheit vertragen? Bist also nur ein Griesbrei-Fresser? Ja dann … dann verdienst dus nicht besser.»

Das Publikum im Keller war nicht dumm. Gebannt lauschte es packender Prosa wie die «Soziologische Psychologie der Löcher», «Das Stimmengewirr» bis zu «Tollers Publikum». Begeistert verinnerlichte es Tucholskys ebenso unterhaltsame wie böse, satirische, witzige, hochpolitische, kritische, von mit Steiners adäquater Ausdruckskraft vorgetragene Texte.

Kritik an Gerter: Falsche Tonlage

Zum Durchatmen kam das Publikum zwischendurch immer wieder durch mitreissende Chansons, von denen viele trotz ihres hohen Alters von über 80 Jahren unvergessen, weil unvergänglich sind. Mit viel Feingefühl von Matesic am Klavier begleitet, vermochte die aus Russland stammende Sopranistin Maria Gerter allerdings nicht durchweg zu überzeugen. Zarah Leanders «Davon geht die Welt nicht unter» oder «Er heisst Waldemar», statt in verrauchter und verruchter Tiefe in höchsten Tonlagen gesungen, wurden fast schon zur Qual für die Ohren. Überzeugt hat Gerter, wenn sie leisere Töne anstimmte – etwa bei «Irgendwo auf der Welt», «Wo sind die Tränen von gestern» oder in «Lili Marlen» sowie auf den Spuren der Dietrich. Für Brecht/Weill – «Mackie Messer» und «Das Lied von der Unzulänglichkeit des menschlichen Strebens» – indes ist die Sängerin stimmlich, gestisch und mimisch wenig geeignet.