Der Zug fährt mit kreischenden Bremsen auf Gleis 1 im Bahnhof Brugg ein und hält. Leise zischend öffnen sich die Türen und ein Schwall Menschen drängt heraus. Die Hälse der Gasteltern recken sich erwartungsvoll. Irgendwo in der Menge müssen auch die Ferienkinder Marina, Michelle und Leonie aus dem Ruhrgebiet sein. Schnell haben sich alle gefunden. Die Ankömmlinge sind etwas schüchtern und vor allem müde von der langen Reise.

Leonie kommt das erste Mal zum Ehepaar Nöthiger nach Kirchdorf. Paul Nöthiger kämpft mit den Tränen, als er das dunkelhaarige Mädchen erblickt. Bettina und Marcel Moor nehmen die 10-jährige Michelle aus Datteln bereits zum fünften Mal in Empfang. Und auch Marina, 12, die aus Mühlheim an der Ruhr stammt, war schon einmal bei Martina und Martin Langhans in Döttingen in den Ferien.

Wie sich die Mädchen so kurz nach der Ankunft fühlen, können sie nicht genau sagen. «Hier hab ich eine Art Zuhause, und doch ist alles etwas fremd», meint Marina. Wo fühlt sie sich besser, zu Hause in Deutschland oder bei den Gasteltern in der Schweiz? Marina überlegt und zuckt dann mit den Schultern: «Es ist an beiden Orten schön. Ich komme gerne hierher und gehe auch gerne wieder nach Hause.»

Familien leben an Armutsgrenze

Das Schweizer Hilfswerk Kovive bietet benachteiligten Kindern aus der Schweiz, Deutschland und Frankreich verschiedene Betreuungslösungen und Erholungsangebote. Die Ferienkinder stammen aus Familien, die an der Armutsgrenze leben. Ohne Unterstützung läge ein Urlaub für Jugendliche wie Leonie, Marina und Michelle gar nicht drin. Die Kinder verbringen jeweils drei bis fünf Wochen bei ihren Gasteltern.

Besuch einen Tag später beim Ehepaar Bettina und Marcel Moor in Klingnau. Michelle hat sich eingerichtet. Die erste Nacht war schlecht: «Ich hatte fürchterliches Heimweh.» Was hat Michelle von zu Hause mitgenommen? «Ein Kuschelkissen mit einem Spruch drauf, das mir meine Freundin Selina geschenkt hat», berichtet sie und kann schon wieder lächeln. Ihr steht ein Urlaub im italienischen Friaul bevor, wo das Elternhaus von Bettina Moor steht. Die Spielgruppenleiterin blättert in Fotobüchern, die sie von jedem Aufenthalt gemacht hat und dem Kind jeweils zu Weihnachten als Erinnerung nach Deutschland schickt. Sie zeigen Michelle im Zoo Zürich oder im Freibad vor Ort, wo sie schwimmen gelernt hat. Das Wertvollste, was Gasteltern ihren Ferienkindern schenken, ist Zeit und Geborgenheit. Denn daran mangelt es den aus sozial ärmlichen oder zerrütteten Familien stammenden Kindern oft.

Wird Michelle nächstes Jahr erneut nach Klingnau in die Ferien kommen? «Ich hoffe es», meint Bettina Moor. Gegen Ende Jahr kommt das Wiedereinladungsschreiben von Kovive. «Die Anwesenheit von Michelle ist eine Bereicherung», bekundet das Ehepaar, das keine eigenen Kinder hat, und fügt hinzu: «Wenn wir sie wieder auf den Bahnhof bringen und in das leere Haus zurückkommen, fehlt uns etwas.»