«Grüezi, was wünschen Sie?» Für die kaufkräftigen Gäste aus der Schweiz macht man auf der anderen Seite des Rheins in Waldshut fast alles: Man setzt «Schinkengipfeli», «Chäsplättli» oder «Rösti» auf die Speisekarte und wird charmant in der eigenen Landessprache begrüsst.

Die Menschen aus dem Südschwarzwald sind freundliche Menschen, aber nicht nur. Stoisch ertragen sie Mittwoch für Mittwoch und Samstag für Samstag die Blechlawinen aus Zürich, Schaffhausen und vor allem aus dem Aargau.

Wenn sie anrollen, ins Zentrum drängen und die Parkhäuser verstopfen. Laut einer Studie der Universität Würzburg kamen 2015 Dreiviertel aller Kunden aus der grenznahen Region.

«Man kann an einem Samstag wegen der Schweizer nicht einkaufen gehen», klagt eine deutsche Passantin in der Wallstrasse. Alteingesessene Waldshuter stehen mittlerweile früher auf, um ihre Kommissionen ungestört zu erledigen.

Der Einkaufstourismus ist seit der Aufhebung des Euro-Mindestkurses durch Nationalbank-Chef Thomas Jordan heute vor genau einem Jahr ungebrochen. Auch an diesem Nachmittag.

Zwei junge Verkäuferinnen stehen im Schuhgeschäft am Wallgraben und blicken sichtlich genervt in das Menschengewusel zwischen den Regalen. Auf einem Plakat steht: «Schuhe, die mich glücklich machen.»

Vor dem Laden stehen die parkierten Autos. Der Reihe nach mit den Kennzeichen: ZH, SH, AG, TI, ZG. Die Frau aus dem Kanton Zug hat für ihre drei Kinder pünktlich zum Wintereinbruch wetterfeste Snowboots gekauft, für 59.95 Euro das Paar.

Warum hier? «Weil sie in Deutschland deutlich günstiger sind als bei uns in der Schweiz.» Es seien aber nicht nur die tieferen Preise, die locken, sagt sie. «Auch die Servicequalität ist erstklassig.»

Und die Anfahrt aus Steinhausen? Immerhin 76 Kilometer. «Es ist ein willkommener Ausflug.» Wenn die Psychologie des Portemonnaies Überhand gewinnt, scheint den Schweizer Konsumenten kein Weg zu weit.

Nach der SNB nun General Electric

Die Ausgaben freudige helvetische Kundschaft war für die Grenzregionen im 2015 ein Geldsegen. Einkaufstouristen haben letztes Jahr elf Milliarden Franken im Ausland ausgegeben.

Vom kräftigen Umsatzplus profitierte auch das Waldshuter Gewerbe. Dennoch relativiert Jochen Seipp die erfreulichen Zahlen: «Die Frequenzen haben zwar zugenommen. Mehr Umsatz heisst aber nicht gleich mehr Gewinn.»

Dem Vorsitzenden des Handelsverbands Südbaden liegt mehr daran, dass sich der Franken zum Euro wieder auf ein vernünftiges Niveau einpendelt. Der Einzelhandelsexperte ist sich der Folgen des günstigen Wechselkurses für den Detailhandel auf der Schweizer Seite der Grenzregion bewusst. «Wenn es den Schweizern auf Dauer schlechter geht, bekommen wir das ebenfalls zu spüren.»

Der Mittwoch war für das Waldshuter Gewerbe erneut ein guter Tag. Keine Spur von Januarloch. Anders in Bad Zurzach: Praktisch zur gleichen Zeit herrscht an der Hauptstrasse und Schwertgasse gespenstische Ruhe.

Die Blaue-Zone-Parkplätze sind leer. Im Café-Konditorei Verenahof verlieren sich zwei Gäste. Und wenige Stunden zuvor erreichte den Aargau eine weitere Hiobsmeldung. General Electric streicht bei der zugekauften Alstom 1300 Jobs.

Davon betroffen sind die Standorte Oberentfelden, Birr, Dättwil, Turgi und Baden. «Entsprechend gross ist auch die Sorge im Zurzibiet», weiss Josef Haus. An einer Sitzung des Gewerbevereins Rheintal-Studenland wurde über die möglichen Auswirkungen des Kahlschlags diskutiert. Viele Arbeitnehmer wohnen in der Region und verdienen ihren Lohn beim US-Konzern. «Für unseren Handel ist der geplante Abbau Gift», sagt Vizepräsident Haus.