«Tatort» war eine Facharztpraxis. «Täter» – beide 58-jährig – waren ein Arzt und eine Patientin. Beide haben jüngst bei Einzelrichter Cyrill Kramer vortraben müssen: er wegen Tätlichkeiten, sie wegen Hausfriedensbruch und Drohung. Im Gerichtssaal herrschte dicke Luft: Ganz klar, die beiden sind sich noch immer spinnefeind, obwohl seit dem Geschehen ein Jahr ins Land gezogen ist.

Der Arzt sei nicht auf ihre Beschwerden eingegangen, habe gesagt, es sei mit ihrem Körper alles in Ordnung, obwohl sie das Gegenteil gespürt habe. «Als ich ihn bat, mich nochmals genauer zu untersuchen, hatte er das verweigert und mich rausgeschmissen», bekräftigte die Patientin vor Gericht. Laut Aussage der am Empfang arbeitenden, getrennt von ihm lebenden Frau Doktor, war die Patientin dreimal in den Behandlungsraum zurückgekehrt, habe sich lauthals über «schlechte Behandlung» beklagt und gesagt, dass sie den Arzt im Ort schlechtmachen und zur Polizei gehen werde.

Solches hatte sie denn auch getan, mit einem – vom Hausarzt festgestellten – 9 × 4 Zentimeter grossem Hämatom auf der rechten Brust. Mit geradezu bühnenreifer Dramatik schilderte die Patientin vor Gericht, wie es zu dem «blauen Fleck» gekommen war: «Er hatte ‹raus› gebrüllt, mich am Kragen hochgehoben, zur Tür geschleppt und auf die Brust geschlagen.» Basierend auf ihren Aussagen, hatte der Staatsanwalt den Arzt wegen Tätlichkeit per Strafbefehl zu 500 Franken Busse verknurrt. Dagegen hatte der Doktor nicht nur Einsprache gemacht, sondern postwendend seinerseits Strafanzeige gegen die Patientin erstattet.

Vor Gericht stellte der Arzt dezidiert in Abrede, die Frau gepackt und geschlagen zu haben. Ausser, dass er so etwas in seiner 32-jährigen Tätigkeit als Mediziner noch nie erlebt habe, hatte der Beschuldigte nichts hinzuzufügen. Umso ausführlicher hatte sich sein Anwalt zum Auftritt der Patientin und deren Verunglimpfungen seines Mandanten geäussert. Der Gegenanwalt hielt kraftvoll dagegen und zeichnete – vice versa – das Verhalten des Arztes in düsteren Farben. Beide Plädoyers gipfelten – wie zu erwarten war – in Anträgen auf Freispruch.

Wenig Klarheit, viele Zweifel

Richter Kramer entschied, die Urteile schriftlich zuzustellen, was in diesen Tagen erfolgte: «Zwei Freisprüche unter Kostenfolge zulasten des Staates.» Klar sei einzig, dass eine Auseinandersetzung zwischen den beiden Beschuldigten stattgefunden habe. Hingegen seien Zweifel darüber, ob es dabei zu Drohungen und Tätlichkeiten gekommen war, auch noch nach der Verhandlung bestanden. Zweifel gebe es ausserdem, ob die angebliche Drohung der Patientin beim Arzt zu Angst und Schrecken geführt habe. Was das Hämatom auf der Brust der Patientin betrifft, würde dieses grundsätzlich für ihre Schilderungen des Sachverhaltes sprechen. Zugleich aber würden die Zeugenaussagen der Noch-Ehefrau des Arztes dessen Schilderung stützen. So mussten denn beide Beschuldigte nach dem Grundsatz «in dubio pro reo» von Schuld und Strafe freigesprochen werden.

Und so wird denn der «High Noon in der Facharzt-Praxis» als «Viel Lärm um nichts» oder schlicht und ergreifend als «ausser Spesen nichts gewesen» in Erinnerung bleiben. Womit er längst nicht als erster solcher «Fall» – und ganz bestimmt auch nicht als letzter – in die Gerichts-Annalen eingeht.