Um diesen Vorher-Nachher-Vergleich ziehen zu können, brauchen die Passanten keine Lupe: An der Schwertgasse 7 erstrahlt das Haus «Zum roten Turm» in alter Schönheit und stechendem Rot wieder.

Das Altstadthaus, fast schon ein Wahrzeichen des Fleckens, ist fertig saniert und neu bemalt. Das dreistöckige Eckhaus weist einen Frühbarock-Stil auf und oberhalb der halbrunden Eingangstüre ist die Jahreszahl 1687 in den Sandstein gemeisselt. Erst 1920 erhielt es seinen heutigen Namen, weil die vormals weissen Wände oxidrot (rost- bis dunkelrot) angemalt und mit aufwendigen Dekorationsmalereien versehen wurden, die bis heute sichtbar sind.

Über dem Eingangsportal stützen seit fast 100 Jahren zwei Löwen ein goldenes Wappen mit einem roten Turm in der Mitte. Darüber zieren 18 runde Felder mit Tier- und Menschenköpfen, sogenannte Medaillons, die Fassade. Weisse, aufgemalte Säulen flankieren die Eingangstüre.

Google Street View: Blick auf die Schwertgasse in Bad Zurzach. Auf der rechten Seite, hinter der Tankstelle, befindet sich der Rote Turm.

Risse in der Fassade

Seit 55 Jahren steht das Altstadthaus wegen seiner einzigartigen Malereien unter Denkmalschutz. Der Zustand der Fassade hat sich seit der letzten Renovation 1965 zunehmend verschlechtert: Das Wetter und der Feinstaub des Hauptstrassenverkehrs setzten dem Bijou von Bad Zurzach arg zu. Risse bildeten sich, die Farbe löste sich vom Untergrund und der Verputz splitterte vom roten Mauerwerk ab.

Der neue Besitzer und die Denkmalpflege Aargau entschieden sich deswegen für eine Erneuerung der Malereien und eine Sanierung des Mauerputzes. Dabei sollte das Gebäude in den Originalzustand von 1920 zurückversetzt und alle Details der Bemalung wiederhergestellt werden. Die Denkmalpflege hat den Hauseigentümer beraten und unterstützte ihn mit Subventionen. Verantwortlich für die Renovation war David Surber. Der Zürcher Dekorationsmaler und Restaurator begann im April mit seiner Arbeit und pauste die noch sichtbaren Umrisse der bestehenden Architekturmalereien ab.

Anhand alter Fotografien hat er die fehlenden Teile rekonstruiert. Während dreier Monaten bemalte und reparierte er die Fassade des roten Turms und nutzte dafür spezielle atmungsaktive Farben. «Dieses Haus ist etwas Einzigartiges. Eine Bemalung in solchem Ausmass findet man so schnell nicht wieder», sagt David Surber. Während seiner Arbeit stiess er auf Überraschungen: «Ich fand ein vermauertes Fenster aus der Barockzeit, und eine alte Hausnummer ist unter dem Verputz aufgetaucht.»

Blumen ohne Hakenkreuz

Auch wenn die Malereien sorgfältig und getreu dem Originalzustand erneuert wurden, fehlt ein kleines Detail. Oberhalb des Eingangsportals, an den Enden des Querbalkens, befindet sich links und rechts des Hausnamens «Zum roten Turm» eine runde Knospe. Dem heutigen Betrachter fällt nichts auf, doch früher befand sich im Zentrum der Blüten je ein Hakenkreuz. «Auf historischen Bildern waren sie nur knapp zu erkennen», sagt David Surber. Das nationalsozialistische Symbol ist auf die politische Gesinnung des Hauseigentümers von 1920 zurückzuführen.

Der Architekt Alexander von Senger, der den Bahnhof St. Gallen baute, lebte ab 1919 in Zurzach und liess das besagte Haus bemalen. Er verliess die Schweiz 1938 in Richtung München und arbeitete sogar an Entwürfen für die geplante «Siegesstrasse» des Hitler-Regimes in München. Irgendwann nach Kriegsende wurden die Hakenkreuze weggekratzt, durch wen und wann ist unbekannt. Obwohl bei der vergangenen Sanierung alle Originaldetails aufgemalt wurden, kam die Anbringung der Hakenkreuze für die Beteiligten und die Denkmalpflege nicht infrage.