Sie hatten sich als Teenager kennengelernt; 36 Jahre waren sie, unverheiratet, zusammen. In einer Nacht im November 2014 ging die Beziehung Knall auf Fall in Brüche. Danach war Nathalie (Namen geändert) 138 Tage in U-Haft. Beschuldigt der versuchten vorsätzlichen Tötung ihres Partners sass die 54-jährige gestern vor dem Bezirksgericht Zurzach.

Angriff soll „nicht so schlimm“ gewesen sein

Angriff soll „nicht so schlimm“ gewesen sein

O. D. aus Döttingen verabreichte ihrem Partner im Herbst 2014 Schlafmittel und schlug auf ihn ein. Vor Gericht nahm das Opfer sie in Schutz.

In jener Nacht hatte sie Gino zum Dessert Heidelbeeren, angereichert mit einem Schlafmittel serviert. Dem Eingenickten schlug sie mit einem 4,4 Kilo schweren Element einer Cheminée-Garnitur auf den Kopf. Anschliessend schlang sie den Gurt eines Bademantels um seinen Hals und zog zu.

Dem aufgewachten Gino gelang es, Nathalie zu überwältigen. Dann fuhr er ins Spital, wo eine grosse Beule an der Schläfe, eine Kopfschwartenverletzung sowie Hautrötungen am Hals und Staublutungen an den Augenlidern diagnostiziert wurden. Ein Gutachten ergab später, dass wegen einer relevanten Durchblutungsstörung des Gehirns für Gino kurzzeitig unmittelbar Lebensgefahr bestanden hatte.

Eifersucht gegen Lethargie

Ausschweifend tat der 57-jährige Besitzer mehrerer Liegenschaften dem Gericht kund, dass er und Nathalie zwar schon lange keinen Sex mehr hätten, dass ihre Beziehung aber sehr gut und glücklich gewesen sei, «bis zum letzten Tag». Allerdings habe Nathalie sich 2002 nach einem Autounfall verändert. «Sie litt an Schlaflosigkeit und verfiel immer mehr in eine Lethargie.» Selbstgefällig schilderte Gino die «Methode» mit der er Nathalie da rausholen wollte. «Bekannte waren mit mir einig, dass Eifersucht in dem Fall das beste Mittel ist.» So hatte er denn angefangen im Internet zu gucken, wie seine Chancen als Ü50er stehen.

Im Frühherbst 2014 wurde Nathalie misstrauisch und begann Ginos Laptop und Handy zu kontrollieren. Sie fand heraus, dass er intensiven Kontakt zu einer attraktiven Ulla aus Deutschland hatte. Nathalie sprach Gino auf die Zukunft ihrer Beziehung an, er blockte immer wieder ab. An jenem Novemberabend vertröstete er sie für eine Diskussion auf die bevorstehenden Ferien. «Zwei Tage später wollten wir mit dem Wohnmobil in den Süden fahren.»

Nathalie ist mehr als ein Kopf kleiner als Gino, eine graue Maus in aus der Mode gekommenen Klamotten, ungeschminkt, mit ungepflegter Frisur. «Ich habe das Schlafmittel ins Dessert getan, damit er in jener Nacht nicht mehr chatten und mailen konnte.» Als er schlief, hatte sie auf seinen Laptop prompt ein an Ulla gesandtes Mail entdeckt, das von Liebesbezeugungen und sexuellen Anspielungen strotzte. Da hat Nathalie zugeschlagen. «Ich bi näbe mir gschtande,», sagt sie vor Gericht. Ein psychiatrisches Gutachten bezeichnet es als «orientierter Dämmerzustand» und attestiert ihr eine «mittelgradig bis schwer verminderte Schuldfähigkeit.» Sie habe, sagt Nathalie, Gino keinen Schaden zufügen wollen. «Ich wollte nur seine Aufmerksamkeit, endlich von ihm gehört werden.»

Er liebt sie noch

Heute will sie nichts mehr mit ihm zu tun haben. Gino hingegen sagt, dass er sie immer noch liebe, sie auch sofort wieder zurücknehmen würde. Jahrelang war sie finanziell von ihm abhängig; heute hat sie einen Teilzeitjob im administrativen Bereich und arbeitet daneben auf Abruf im Stundenlohn im Gastgewerbe. In jener Nacht war sie, nachdem Gino ins Spital gefahren war, mit seinem Auto und ihren Hunden zunächst geflohen. Zwei Tage nach der Tat war sie am Wohnort ihres betagten Vaters festgenommen, später waren im Auto Briefe von ihr mit Suizid-Andeutungen sichergestellt worden.

Bedingte Strafe, hohe Kosten

Der Staatsanwalt hatte Nathalie der versuchten vorsätzlichen Tötung angeklagt und beantragte eine Freiheitsstrafe von vier Jahren. Eventuell sei die Tat auch als Gefährdung des Lebens oder aber «nur» als einfache Körperverletzung zu qualifizieren - mit entsprechend milderen Sanktionen. Für einfache Körperverletzung und vier Monate bedingt plädierte der Verteidiger.

Das Urteil der Richter fiel einstimmig: Wegen einfacher Körperverletzung ihres Partners wird Nathalie – wie vom Ankläger in diesem Fall gefordert – zu 15 Monaten bedingt und 3000 Franken Busse bestraft. «Das Gericht hat sich den Entscheid nicht einfach gemacht und letztlich – losgelöst vom Gesetzbuch – auch menschliche Aspekte einfliessen lassen», so Präsident Cyrill Kramer. Hauptgrund für den Entscheid sei, dass Nathalie stets betonte, sie habe Gino nie Schaden zufügen wollen. Auch wenn es diesbezüglich gewisse Bedenken gebe, so sei eine Absicht von Nathalie nicht rechtsgenüglich erstellt. Es gebe keinen Nachweis, so Kramer, dass die Frau gezielt und mehrfach zugeschlagen habe. «Was das Würgen betrifft, so hat das Opfer mehrfach bestätigt, er habe dieses ‹grundsätzlich als harmlos’ empfunden.»

Zwar sei das Verschulden erheblich, positiv sei aber, dass Nathalie inzwischen ein eigenständiges Leben und eine neue Existenz aufgebaut hat. Die Kosten des Verfahrens – insgesamt rund 76 000 Franken muss die 54-jährige als dessen Verursacherin selber tragen.