Bezirksgericht Zurzach

Er küsste sie, ohne, dass sie es wollte: Das hat nun Folgen

Das Bezirksgericht hat einen jungen Mann der sexuellen Belästigung für schuldig befunden. (Symbolbild)

Das Bezirksgericht hat einen jungen Mann der sexuellen Belästigung für schuldig befunden. (Symbolbild)

Das Bezirksgerichts Zurzach spricht einen jungen Afrikaner der sexuellen Belästigung schuldig und verhängt eine Busse.

An einem Freitagabend im Juni 2019 tat Jessica (alle Namen geändert) in ihrer Nachbarschaft Dienst als Babysitter. Um 23 Uhr sollte sie von Amaniel abgelöst werden, den sie von kurzen Begegnungen in jenem Haus flüchtig kannte. Als der junge Mann mit einer halbstündigen Verspätung auftauchte, informierte Jessica ihn, dass das Kind gegessen habe und schlafe.

Amaniel bedankte sich, gab ihr erst die Hand und umarmte die Frau plötzlich. Sie wandte sich ab, stiess ihn weg und sagte «Nein». Er aber packte sie an den Oberarmen und versuchte, sie auf den Mund zu küssen. Als sie den Kopf wegdrehte, küsste er sie auf die Wange. Diese Aussagen von Jessica hatte die Polizei protokolliert und genauso wiederholte sie diese vor Richter Cyrill Kramer.

Jessica ist eine zarte junge Frau von 23 Jahren. Das blondierte Haar trägt sie zu einem Pferdeschwanz gebunden. Der auf den Tag genau ein halbes Jahr ältere Amaniel ist dunkler Hautfarbe, gross und sehr dünn. Vor fünf Jahren war er als Flüchtling aus Afrika hier gelandet. Er gilt als vorläufig aufgenommen, steckt im zweiten Lehrjahr als Logistiker und wohnt allein mehrere Kilometer entfernt vom Ort des Geschehens.

Nachdem Jessica sich schliesslich hatte losreissen und nach Hause rennen können, hatten ihre Eltern die Eltern des Babys angerufen, die unverzüglich heimgekehrt waren. Später traf auch die Polizei ein, die Amaniel für 14 Stunden in U-Haft nahm.

Der Beschuldigte stritt vehement ab, Jessica in irgendeiner Form zu nahe getreten zu sein – er sei vollkommen unschuldig. Als Amaniel Wochen später per Strafbefehl wegen sexueller Belästigung zu einer Busse von 1500 Franken verurteilt wurde, erhob er denn auch Einsprache. «Die Vorwürfe sind sehr weit weg von der Wahrheit», liess er vor Gericht übersetzen. «Für mich ist das eine rätselhafte Geschichte.»

Busse als gesetzliche Sanktion

Einige Rätsel gab dem Richter seinerseits auf, wie Amaniel jenen Freitagabend verbracht hatte. Zuerst war die Rede davon, er habe mit Kollegen abgemacht gehabt. Später sagt er aus, die besagten Kollegen zufällig am Bahnhof Bad Zurzach getroffen zu haben, wo er habe umsteigen und eine halbe Stunde auf den Anschluss warten müssen. Wie war er schliesslich vom Ziel-­Bahnhof zum Haus mit dem Baby gelangt? Ob zu Fuss oder mit dem Velo eines Bekannten – so genau wisse er das nicht mehr. Ob er im Haus noch etwas gegessen habe, verneinte er und korrigierte dann, das wisse er auch nicht mehr. Der Polizei gegenüber hatte er indes gesagt, er habe sich eine Pizza gemacht. «Es kann sein, dass mein Gedächtnis nachgelassen hat.» Somit könne es also durchaus sein, konterte der Richter, dass Amaniel auch vergessen habe, dass er Jessica umarmt hatte. «Nein – diese Tat habe ich tatsächlich nicht begangen.»

Krankenkasse, Miete und ein SBB-GA werden ihm von der Gemeinde bezahlt. Den Lehrlingslohn von 750 Franken muss Amaniel abgeben, bekommt aber 200 Franken wöchentlich ausgehändigt. «Ich stelle mir eine gute Zukunft vor und mit einem Beruf auf eigenen Beinen zu stehen.» Auf die Bemerkung von Cyrill Kramer, dass er als vorläufig Aufgenommener gar nicht wisse, ob er hier bleiben könne, folgt nur ein Schulterzucken. Nach einem letzten Wort gefragt, hält Amaniel mit Blick auf Jessica fest «ich kenne diese Frau gar nicht».

Richter Kramer sprach Amaniel schuldig gemäss Anklage und verurteilte ihn zu einer Busse. Dem Antrag des Staatsanwaltes folgend, sprach er eine solche von 1500 Franken aus. Dazu gesellen sich Untersuchungskosten, Anklage- und Gerichtsgebühr von insgesamt 2495 Franken. «Für das Gericht ging es vor allem darum, die Glaubwürdigkeit der Beteiligten zu beurteilen. Dazu kommt, dass Jessica keinerlei Motiv hatte, Amaniel falsch zu beschuldigen», begründete Kramer.

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