Döttingen

Er kam als Flüchtling aus Rumänien – weil er nicht mehr länger lügen wollte

Stefan Anghelescu aus Döttingen ist unter Ceaușescu aus Rumänien in die Schweiz geflüchtet. Der 70-Jährige ist unterdessen pensioniert und hat den Schweizer Pass.

Stefan Anghelescu aus Döttingen ist unter Ceaușescu aus Rumänien in die Schweiz geflüchtet. Der 70-Jährige ist unterdessen pensioniert und hat den Schweizer Pass.

Stefan Anghelescu ist 1985 unter Nicolae Ceaușescu aus Rumänien in die Schweiz geflüchtet, nachdem er wegen einer Lapalie drei Stunden lang verhört wurde. In seiner neuen Heimat hat er sich dank viel Engagement gut etabliert.

Er ist Einzelkind, war ein Streber. «In meinem Leben gab es nur Schule und Sport», erinnert sich Stefan Anghelescu. Er sitzt am grossen Holztisch im Wohnzimmer eines Reihenhauses in Döttingen. Vor 70 Jahren wurde Anghelescu in der rumänischen Stadt Pitești, 120 Kilometer westlich von der Hauptstadt Bukarest, geboren. Ab 1965 regierte Diktator Nicolae Ceaușescu die Sozialistische Republik Rumänien. Es war dessen Regime, das Stefan Anghelescu im Jahr 1985 dazu bewogen hatte, seiner Heimat den Rücken zu kehren.

Stefan Anghelescu hat in Bukarest Wirtschaftswissenschaften studiert. Anschliessend war er Assistent an der Universität. «Ich habe gerne doziert. Bis ich eine trockene Kehle hatte.» Seine Begeisterung für diese Arbeit ist auch Jahre später noch spürbar. «Ich war zufrieden, hatte Geld, keine Probleme, gute Freunde, eine Familie und zwei Söhne.» Doch von ihm wurde auch verlangt, Politik zu machen. Als Mitarbeiter der Uni war er Mitglied der Kommunistischen Partei. Er hatte die Aufgabe, Ziele der Regierung Ceaușescus zu verbreiten. «Es war alles gelogen. Wir wussten das schon», sagt Anghelescu. Trotzdem habe es jeder gemacht. «Wir haben auf Rumänisch immer gesagt: ‹Muss ich wieder Scheisse fressen›.»

Was haben sie gegen Ceaușescu?

Er erinnert sich an eine Rede, die das Staatsoberhaupt vor einer halben Million Menschen gehalten hatte. Alle mussten zuhören, applaudieren und «Hurra, hurra» rufen. Ein älterer Kollege von Anghelescu hat an diesem Tag eine Ceaușescu-Karrikatur aus einer ungarischen Zeitung gezeigt. «Wir haben gelacht. Aber das Lachen war kurz.»

Als er zwei Tage später an der Uni unterrichten wollte, passte ihn jemand vom Sicherheitspersonal ab. Drei Stunden hätten sie ihn befragt und wollten wissen, was er gegen die Familie Ceaușescu habe. «Wenn dir zu dieser Zeit jemand diese Frage stelltet, hast du in die Hose gemacht.» Natürlich sei ihm der Witz in den Sinn gekommen. «Entweder haben sie uns abgehört oder jemand aus den eigenen Reihen war ein Informant der Regierung.» Nassgeschwitzt habe er schliesslich, ohne sie zu lesen, Papiere unterschrieben, die sie ihm hingehalten haben, und sei gegangen. Von seinem Kollegen fehlte seither jede Spur.

Es war dieses Erlebnis, das Stefan Anghelescu nicht mehr losliess. «Ich hatte die Nase voll. Es war mir nicht mehr egal, dass das, was ich sage, nicht stimmt.» Er schlief schlecht, war nervös. «Ich war nicht mehr ich. Deshalb habe ich etwas Neues versucht.» 1985 flüchtete er mit einem seiner Söhne. Nachts. Schwimmend. Über die Donau nach Serbien und von dort zu Fuss über Mailand in die Schweiz. Seine Frau und der zweite Sohn blieben in Rumänien.

In der Schweiz kam er ins Durchgangszentrum in Lauffohr. «Dort hat mein Leben in der Schweiz begonnen.» Er erinnert sich, wie er an einem Wochenende den ganzen Garten hinter dem Haus neu gemacht hat. Einfach so. Sogar gelbe Blumen habe er gepflanzt. Für seine Arbeit bekam er 20 Franken Lohn und einen Folgeauftrag bei einer Familie. «Ich habe drei Tage lang deren Garten umgebaut.» Am Schluss habe er zusätzlich zum Lohn vom Sohn der Familie Jeans, T-Shirts und ein Velo geschenkt bekommen. «Ich fühlte mich wie ein super-reicher Mann.»

Im Durchgangszentrum hat er auch zwei Bücher bekommen: «Deutsch für Anfänger» und ein Wörterbuch «Deutsch-Englisch». «Ich habe das Buch Seite für Seite auf Rumänisch übersetzt. Alles habe ich abgeschrieben.» Irgendwann konnte Anghelescu die Jobinserate in der Zeitung lesen. Und als er nach zwei Monaten die Arbeitsbewilligung bekam, begann er mit der Jobsuche. Seine erste Stelle war bei einem Gipser. Dann arbeitete er im Tief- und Strassenbau, bis er irgendwann eine Stelle als Informatiker fand. Wenn er von seinen Vorgesetzten erzählt, fällt immer der Satz: «Der Chef war ein guter Mann.» Er habe immer Glück mit seinen Vorgesetzten gehabt. «Viele sind bis heute gute Freunde von mir geblieben.»

Anghelescu ist überzeugt, dass jeder, der es wirklich will, Arbeit finden kann. «Mich hat auch nichts motiviert. Ich hatte eigentlich keine Kraft.» Er wusste, dass er mit Computern arbeiten wollte. Hat deshalb Kurse besucht, besser Deutsch gelernt, bis er irgendwann am Ziel war.

«Ich bin ein ‹Papierlischwiizer›»

Heute ist Anghelescu pensioniert. Von seiner Frau in Rumänien ist er geschieden. In der Schweiz hat er eine neue Liebe gefunden und hat zwei erwachsene Töchter.

Wenn er in den Nachrichten von seinen Landsleuten hört, die nur hierher kommen, um zu stehlen, mache ihn das traurig. «Andererseits verstehe ich die Leute, weil sie denken, hier lebe man in Saus und Braus.» Er erinnert sich an die erste Reise zurück in seine Heimat. An die vielen armen Menschen und Kinder, die kaputten Häuser und Strassen. Er sei froh, hier leben zu dürfen. Es sei nicht selbstverständlich. Unterdessen hat er sich auch einbürgern lassen. «Sicher bin ich ‹Schwiizer›. Ein ‹Papierlischwiizer›.»

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