Bad Zurzach

Er ist grün und oberster Gewerbler: Grossrats-Kandidat mischt die bürgerliche Hochburg auf

Gewerbepräsident Stefan Haus aus Bad Zurzach will seine Überzeugungen in Aarau einbringen.

Gewerbepräsident Stefan Haus aus Bad Zurzach will seine Überzeugungen in Aarau einbringen.

Erstmals steigen die Grünen im Zurzibiet mit einer eigenen Liste in den Grossratswahlkampf. Unter den sieben Kandidierenden ist auch der Gewerbepräsident aus Bad Zurzach, Stefan Haus.

Er sammelt noch schnell Abfall auf dem Münsterplatz und zupft Neophyten aus der Erde, die einheimische Pflanzen verdrängen, dann ist er bereit für das Gespräch: der 34-jährige Bad Zurzacher Stefan Haus. Der Präsident des Gewerbevereins Rheintal-Studenland will für die Grünen einen Sitz im Grossen Rat erobern − und das ausgerechnet im bürgerlich dominierten Zurzibiet. Dass sich seine Parteiwahl mit dem Amt als oberster Gewerbler beisst, glaubt er nicht. «Im Gegenteil», sagt Haus und grüsst eine ältere Frau, die an der Sitzbank vor dem Verenamünster vorbeispaziert und winkt.

Erstmals treten die Grünen im Bezirk Zurzach zu den Grossratswahlen mit einer eigenen Liste an, angeführt vom Full-Reuenthaler Hanspeter «Biomeier» Meier. Auf dem siebten und letzten Listenplatz steht Stefan Haus. Er wolle sich nicht in den Vordergrund drängen, sagt er. Wird er dennoch gewählt, will er seine Überzeugungen, die er bereits im Zurzibiet vertritt, auch auf kantonaler Ebene einbringen: lokale Strukturen stärken, Biodiversität fördern und die Klimapolitik vorantreiben.

Dieser Grüne will die bürgerliche Hochburg aufmischen

Im Video erklärt Stefan Haus, warum er für den Grossen Rat kandidiert.

  

«Gerade die grünen Ideen sind nachhaltig für lokale Strukturen und somit auch für das Gewerbe.» Er zeigt hinter sich auf den Münsterplatz. «Dort findet im Sommer regelmässig der Zurzi-Märt statt.» Mit Gemüse, Brot oder Eiern von lokalen Produzenten mit kurzen Transportwegen. «Das leben eher die Linken, weniger die Bürgerlichen.» Profitieren würde davon die Natur, aber auch das Gewerbe, die Bevölkerung und die Gemeinschaft: «Der Markt bringt Leben in den Flecken», sagt er.

Mit Blick auf die viel befahrene Hauptstrasse vor sich ergänzt Haus: «Diese Durchgangsstrasse wird bald zum Lebensraum.» Das Fleckenkonzept soll das Zentrum nach der Eröffnung der Ostumfahrung 2023 mit Tempo-30- oder Begegnungszonen aufwerten. «Der Flecken wird lebenswerter und grüner. Wo die Menschen sich wohlfühlen, verweilen sie und kaufen ein», ist er überzeugt.

«Ich bin der Typ, der nicht lange diskutiert»

Damit meint er nicht nur die rund 1500 Gäste, die täglich das Thermalbad besuchen, sondern auch die Zurzacher. «Sie sollen nicht nur hier wohnen, sondern auch hier arbeiten, konsumieren, leben und sich engagieren.» Pendeln sei aus raumplanerischer und klimapolitischer Sicht schlecht und verwandle Dörfer in Schlafgemeinden. Auch dies sei grünes Gedankengut, von dem die Gewerbler profitieren würden, sagt Haus, der mit bestem Beispiel vorangeht: In Koblenz aufgewachsen, zog er vor elf Jahren nach Bad Zurzach, arbeitet seit zehn Jahren im Flecken und engagiert sich als oberster Gewerbler, als Mitglied des Naturschutzvereins, bei kulturellen Anlässen und in der Kommission «Flecken-Belebung».

Trotzdem: Führt die ökologische Haltung des Gewerbepräsidenten nicht zu Diskussionen in der bürgerlichen Hochburg? «Natürlich. Aber der Dialog ist immer offen», sagt Haus. «Und ich bin der Typ, der nicht lange diskutiert, sondern die Ärmel hochkrempelt und anpackt», sagt der Zurzacher des Jahres von 2018, einem der Fasnachtshöhepunkte.

Neo-Nazi-Angriff und Irakkrieg prägten ihn

Sein politisches Interesse wurde 2001 geweckt: mit dem Afghanistankrieg, dem Terroranschlag auf das World Trade Center in New York und dem Irakkrieg. Der damals 15-jährige Haus gehörte zu den vielen Jugendlichen, die gegen die US-amerikanische Intervention demonstrierten. Zu Hause am Küchentisch folgten intensive Diskussionen vor allem mit Vater Josef Haus, der im Vorstand der FDP-Ortspartei Bad Zurzach ist. «Auch die rechtsextremen Vorfälle in der Region zu dieser Zeit prägten mich», sagt Haus. So schlugen über ein Dutzend Neo-Nazis zwei türkische Jugendliche in Klingnau spitalreif. «Das schockierte mich − und ich wollte ein Zeichen gegen Gewalt setzen.»

Heute geht die Jugend für das Klima auf die Strasse. «Dafür habe ich grössten Respekt, und ich bin mit vielen Anliegen einverstanden.» Er verzichtet schon lange auf das Fliegen, fährt mit dem Velo durch die Schweiz oder zur Arbeit, isst Gemüse aus dem eigenen Garten und nur wenig Fleisch. Dennoch kann sich Haus mehr mit dem Klimapapier der Grünen statt mit den radikaleren Forderungen der Klimajugend identifizieren: Da es ein Spagat ist, der konsensfähig sei.

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