Patrick Müller sitzt am Küchentisch in seinem Talacherhof. Vor ihm stapeln sich die Unterlagen. Wissenschaftliche Abhandlungen über Stromflüsse, Analysen der Milchqualität seiner Kühe, Gutachten, Urteile und ein Vertrag aus dem Jahr 1959, den sein Grossvater Johann und die damalige NOK unterzeichnet haben. Müllers Grossvater hatte die Überleitungsrechte über den Talacherhof für die Dauer von 50 Jahren an den Netzbetreiber abgetreten und dafür 1258 Franken erhalten.

Heute jagt die Swissgrid 380 und 110 Kilovolt über den Talacherhof, die AEW 16 Kilovolt. Seit dem Tag, an dem die Überleitungsrechte für die 380-Kilovolt-Leitung erneuert werden müssen, befindet sich Patrick Müller mit der nationalen Netzgesellschaft, der heutigen Swissgrid, im Clinch. Der Landwirt ist überzeugt, dass der Strom seine Kühe krank und ihre Milch schlecht macht.

Niederlage kassiert

Der Fall landete vor der Eidgenössischen Schätzungskommission und endete mit einer Niederlage Müllers. Die Kommission kam zum Schluss, dass aus elektrotechnischer Sicht, wenn überhaupt, die mangelhaften Stallanlagen (z. B. eine schlechte Erdung) für die Schädigung am Viehbestand ursächlich sind. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit jedoch nicht die Swissgrid-Leitung.

Müller ist mit dem Urteil nicht einverstanden und hätte es beim Bundesverwaltungsgericht anfechten können. Am Mittwoch lief die Einsprachefrist ab. Nach Rücksprachen mit dem Bauernverband und seinem Anwalt André Keller kam Müller zum Schluss, dass er es sein lässt. «Das Prozessrisiko ist zu gross, die Erfolgsaussichten zu klein», sagt er.

Müller weigert sich

Doch wie weiter? Noch offen ist die Frage der Entschädigung für die Überleitungsrechte. 2009 hatte ihm die Netzgesellschaft 8258 Franken für 25 Jahre geboten. Doch bis heute weigert sich Müller, auf das Angebot einzugehen. Auch nach dem Urteil der Schätzungskommission sagt er: «Ich werde keinen Vertrag für die Überleitungsrechte unterschreiben. Das kann ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren.»

Als letzter Schritt bleibt das Verfahren der Enteignung. Wenn Müller nicht freiwillig das Recht abtritt, wird es erzwungen. Dieses Verfahren ist nichts Aussergewöhnliches. Es liegt im öffentlichen Interesse, dass diese Möglichkeit besteht. Die Swissgrid hat über 50'000 Dienstbarkeitsverträge. Wenn auch nur ein Prozent davon das Durchleitungsrecht verweigert und man deshalb die Leitungen verlegen müsste, wäre es unmöglich, das Schweizer Stromnetz aufrechtzuerhalten. Eine Entschädigung erhält Müller auch für den Fall der Enteignung. Die Summe entspricht in etwa jener, die ihm für die Überleitungsrechte angeboten wurde.

Doch für Müller geht es um mehr als einige Tausend Franken. Er fürchtet um seine Existenz als Milchbauer. Zwar haben nach einigen elektrotechnischen Massnahmen die Probleme mit den 60 Tieren abgenommen. Auf die teure Antibiotika-Behandlung der entzündeten Kuheuter verzichtet Müller heute. «Dennoch kann es so nicht weitergehen», sagt er.

Der 52-Jährige versteht nicht, weshalb ein Gutachten von der Universität Zürich zur Milchqualität im Urteil nicht gewürdigt wurde. In diesem steht: «Es ist ein Zusammenhang zwischen der Ausschaltung der Freileitungen und der Eutergesundheit erkennbar.» Während 18 Tagen waren im Mai 2016 die Leitungen für eine Messkampagne abgeschaltet worden. In einer Beurteilung der Hochschule für Technik Buchs steht: «Nach wie vor sind auf den Erdsystemen Ströme zu messen, deren Herkunft von verschiedenen Quellen ausgeht. So sind einige Anteile der Ströme klar auf die Betriebsmittel auf dem Hof zurückzuführen, jedoch verbleiben weitere Anteile, deren Ursache nicht auf dem Hof zu finden sind.» Für Müller ist klar, dass die Leitungen über seinen Hof dafür verantwortlich sind, auch wenn alle Grenzwerte eingehalten werden. Er erwartet von der Swissgrid, «dass sie an einer Lösung meiner Probleme arbeitet. Denn bis heute konnte mir niemand schlüssig erklären, warum die Phänomene auftreten.»