Raiffeisenbank-Schlossgeflüster

Einkaufstourismus: Was können die Schweizer Händler tun?

Am Koblenzer Grenzübergang zu Deutschland stauen sich die Autos regelmässig – unter anderem auch wegen der Einkaufstouristen.

Am Koblenzer Grenzübergang zu Deutschland stauen sich die Autos regelmässig – unter anderem auch wegen der Einkaufstouristen.

Der starke Franken und die Einkaufstouristen beschäftigen die Grenzregionen schon länger. Nun befasste sich auch das 1. Schlossgeflüster der Raiffeisenbank in Böttstein damit.

«Starker Franken und Einkaufstourismus: Effektive Lösungen sind gefragt!» So lautete das Motto des Anlasses der Raiffeisenbank Böttstein. Zur Feier ihres 100-Jahr-Jubiläums hatte sie zum «1. Schlossgeflüster» eingeladen. Gegen 80 Personen kamen dazu ins Schloss Böttstein. Wer konkrete Lösungen erwartet hatte, wurde eher enttäuscht. Wer dagegen auf Wegweiser in die Zukunft hoffte, dem wurde in der von Hugo Bigi (Tele Züri) moderierten Podiumsdiskussion einiges geboten.

Eingangs erläuterte Klaus Abberger von der Konjunkturforschung (KOF) an der ETH Zürich die vielfältigen Zusammenhänge der Wirtschaftsentwicklung. Ausgehend von der Weltwirtschaft, brach er die Entwicklung auf die Situation des grenzüberschreitenden Handels hinunter. «Seit 2008 liegt das Wachstum in der Schweiz deutlich über dem in der EU.» Das Wachstum stamme aber kaum aus dem produzierenden Gewerbe.

Als grosser Wachstumsmotor entpuppte sich überraschenderweise in der Statistik der Bereich Handel, Gewerbe und Verkehr. Doch Abklärungen zeigten, dass das Bild nicht so rosig ist, wie es scheint. Es ist vor allem der Transithandel der Rohstoffhändler, der die Statistik beeinflusst. Deren Waren kommen nie in die Schweiz, sie werden im Ausland verschoben.

Nach Abzug dieses Bereiches zeigte sich ein anderes Bild: «Der Handel stagniert mehr oder weniger. Wir haben nach wie vor eine schwierige Situation.» Doch die Umsatzerwartungen im Detailhandel seien erstmals nach langer Zeit wieder positiv. Deutlich ist die Verlagerung vom Stationärhandel zum Onlinehandel. Weil das Geld nur einmal ausgegeben werden kann, verliert eine Seite.

Positiver sei das Bild im industriellen Produktionsbereich: «Hier beginnt sich die Situation nach dem Frankenschock zu verbessern», sagte Abberger. Doch die Margen für die Unternehmen sind geringer geworden. Die Auswirkung spürt man sowohl bei den Löhnen als auch bei den Investitionen. Das Realeinkommen werde folglich nicht stark steigen. Damit ist vom Konsum her kein wesentlicher Wirtschaftsimpuls zu erwarten. Auch die Arbeitslosigkeit dürfte so bald nicht weiter zurückgehen.

Nachhaltige Investitionen für die Entwicklung der Unternehmen würden, so Abberger, wesentlich zu einem Aufschwung beitragen. «Ohne Investitionen besteht zudem die Gefahr, dass wir in Rückstand geraten.» Ein positives Signal sieht er durch die niedrige Inflation in der Schweiz: «Damit schwächen sich die Nachteile des Wechselkurses langsam ab.» Aber im Gegensatz zu früheren Problemsituationen sei das Tempo der Erholung diesmal sehr gering.

Ungerechte Preise in der Schweiz

Die anschliessende Podiumsdiskussion widmete sich zuerst der aktuellen Situation, um dann auf die Zukunft einzugehen. Dabei wies Sara Stalder, Geschäftsleiterin der Stiftung für Konsumentenschutz, auf die beträchtlichen Preisunterschiede zwischen dem Ausland und der Schweiz hin. Dasselbe Kosmetikprodukt sei im Ausland rund 80 Prozent günstiger als in der Schweiz. Dieser unhaltbare Zustand soll mit der Eidgenössischen Volksinitiative «Stop der Hochpreisinsel» beendet werden. «Wir möchten damit erreichen, dass die Schweizer wieder vermehrt in der Schweiz einkaufen.» Dabei denkt sie nicht nur an die Privatkonsumenten, sondern auch an das Gewerbe.

Von einem harten Wettbewerb im deutschen Einzelhandel sprach Utz Geiselhart, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Südbaden. Er relativierte den Einkaufstourismus etwas: «Der Kaufkraftzufluss in den Städten ist sehr unterschiedlich, er hängt von der Distanz zur Grenze ab.» Für Geiselhart ist 2015 ein Ausnahmejahr im grenznahen Handel. Jetzt gehe der Einkaufstourismus zurück. Abberger bestätigte dies: «Die teureren Objekte sind gekauft. Jetzt geht es vor allem um Alltagsgegenstände, die günstiger sind.»

Thierry Burkart, FDP-Nationalrat und Vorstandsmitglied des Aargauischen Gewerbeverbandes, betonte, dass der Detailhandel entlang der Grenze den Einkaufstourismus stark spüre. Er attestierte den Unternehmen, dass sie die Frankenstärke durch Produktivitätszuwachs aufgefangen hätten: «Doch diese Möglichkeit ist ausgereizt.» Und er hofft, dass diese Situation im industriestarken Aargau nicht zu weiteren Entlassungen führe.

Kunden mit Emotionen gewinnen

«Der Händler muss sich zu einer Marke machen», betonte Geiselhart. Er erwähnte dazu Beispiel aus Deutschland, bei denen es selbst lokalen Händler gelungen war, weit über ihre Region hinaus Kunden zu finden. Jeder Einzelhändler, egal wo er angesiedelt sei, müsse die Kunden auch auf emotionaler Ebene gewinnen: «Er muss sein eigener Markenbotschafter werden, seine Kunden überzeugen.»

Dabei spiele der Internetauftritt eine wichtige Rolle. «Der Kunde muss den Händler beim googlen finden. Das Tablet wird zum Schaufenster.» Prognosen aus Deutschland erwarten, dass auch 2030 noch die Mehrheit der Umsätze im Stationärhandel und nicht im Internethandel getätigt werden. «Bei den Büchern zeichnet sich eine Stagnation im Onlinehandel ab», sagte Geiselhart. Er sieht noch eine weitere wichtige Voraussetzung für den Erfolg des Stationärhandels: «Er muss erreichbar sein.» Dies müssten die Verkehrs- und Raumplaner stärker berücksichtigen. Der Kunde ist frei, seinen Händler zu wählen. Ein freier direkter Zugang kann dabei ein sehr wichtiges Argument sein.»

Erfahrungsgemäss, so Burkart, wähle der Kunde für seine Einkäufe den für ihn einfachsten und schnellsten Weg. Angesichts der regelmässigen Staus am Zoll in Koblenz kämen ihm aber Zweifel auf. «Wir tun nichts Gutes, wenn wir im Ausland einkaufen», sagte er. Deshalb sollte immer wieder an das Verantwortungsbewusstsein appelliert werden, für Einkäufe in der Schweiz zu bleiben. Auf einen wunden Punkt machte Stalder aufmerksam: «Wir hören immer wieder, dass die deutschen Händler freundlicher und kulanter sind.» Da bestehe Nachholbedarf.

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