Die beiden Surbtaler Dörfer Endingen und Lengnau haben eine reiche jüdische Geschichte und Baukultur. Und in beiden Dörfern gibt es eine schweizweite Besonderheit: Historische jüdische Tauchbäder. Eine Mikwe (vom hebräischen Wort für «zusammenfliessen») ist ein Bad, das der religionsgesetzlich vorgeschriebenen, rituellen Reinheit dient. Fromme Juden nehmen bis heute vor Fest- und Fastentagen ein rituelles Bad. Wer zum jüdischen Glauben übertritt, ist ebenso zum Untertauchen im Wasser der Mikwe verpflichtet wie Frauen nach der Menstruation und nach einer Geburt.

Die Mikwaot in Lengnau und Endingen stehen unter kantonalem Denkmalschutz und sind Teil des Jüdischen Kulturwegs im Surbtal. Die Endinger Mikwe am Mühleweg entwarf 1867 der Badener Architekten Caspar Joseph Jeuch. Sie ist seit 1998 geschützt und umfassend saniert, auch das Tauchbecken. Das eher unscheinbare Lengnauer Pendant am Spycherweg steht erst seit drei Jahren unter Denkmalschutz und wurde vor der Restaurierung 2014 von der Kantonsarchäologie untersucht.

Die Ergebnisse hat der Brugger Archäologe Peter Frey jüngst in der Zeitschrift «Die Schweiz von 1350 bis 1850 im Spiegel archäologischer Quellen» des Vereins Archäologie Schweiz publiziert. Das jüdische Frauenbad in Lengnau ist die einzige erhaltene Mikwe, die vor der Niederlassungsfreiheit der Juden von 1866 in der Schweiz errichtet wurde. Laut Frey wurde das Tauchbad 1848, im Jahr der Gründung des Bundesstaats und kurz nach der Errichtung der Lengnauer Synagoge (1845-47), im Auftrag der jüdischen Gemeinde gebaut. Im Jahr 1923 wurde das Tauchbad nicht mehr gebraucht, aufgehoben und zugeschüttet. Später diente es als Abstellraum für Velos und allerlei Gerätschaften. Der Verein Jüdischer Kulturweg konnte die Mikwe schliesslich kaufen und vor dem Abbruch bewahren. Das eingeschossige Haus mit Walmdach ist aus Jurakalksteinen gebaut und befindet sich gleich hinter dem Gebäude, dass der Verein Doppeltür vor kurzem erworben hat.

Typisch für das 19. Jahrhundert

Nachdem man zuerst davon ausging, keine Überreste der eigentlichen Badeanlage zu finden, haben die Grabungen der Kantonsarchäologie die Wasserbecken und ihre Zuflüsse bis ins kleinste Detail dokumentiert. Wie Peter Frey schreibt, war das Badehaus und seine Einrichtung typisch für jüdische Dörfer des 19. Jahrhunderts.

In der «Heizzentrale» gab es einen Badeofen. Über eine Rohrleitung wurde Frischwasser zugeführt, erhitzt und für das quadratische Badebecken wieder mit kaltem Wasser temperiert. Das Becken war 1,27 Meter tief und aus Bollensteinen und Mörtel gemauert. Wie man auf dem Jüdischen Kulturweg erfährt, kostete der Eintritt in die Mikwe übrigens, je nach Vermögen, zwischen 15 und 75 Rappen, was Mitte des 19. Jahrhunderts nicht ganz billig war. Damit wurden der Lohn des Abwarts, die Heizkosten und die Beleuchtung bezahlt.