Würenlingen

«Eine Schneise in die Herzen geschlagen»: Für viele Angehörige ist der Absturz auch nach 50 Jahren noch präsent

Der Gedenkanlass zum Swissair-Absturz von Würenlingen vor 50 Jahren riss bei den Angehörigen alte Wunden auf. Sie erhielten aber auch Trost

Peter Stoller aus Zürich kämpft mit den Tränen. «Hier, in diesem Wald, habe ich heute vor 50 Jahren eine Person verloren, die mir sehr nahestand.» Seine Freundin war Hostess des Unglücksfluges Swissair 330. Was ihn seither immer wieder verwundert, bewegt und enttäuscht habe: «Dass nachher etwas ganz Merkwürdiges geschah – nämlich gar nichts.

Das Unglück wurde nie aufgeklärt, die Drahtzieher nie zur Rechenschaft gezogen.» Stoller war an diesem Freitagnachmittag einer von rund 300 Menschen, die an der Gedenkfeier für die Opfer des Flugzeugabsturzes vom 21. Februar 1970 teilnahmen.

Gedenkanlass 50 Jahre Flugzeugabsturz Würenlingen – «Hier in diesem Wald habe ich vor 50 Jahren jemanden verloren, der mir sehr nahe stand»

Peter Stoller: «Hier in diesem Wald habe ich vor 50 Jahren jemanden verloren, der mir sehr nahe stand»

Am Himmel über dem Gedenkstein im Würenlinger Wald sind Kondensstreifen zu sehen, die Sonne scheint. «Wäre die Sicht heute vor 50 Jahren so gut gewesen, vielleicht hätte die Coronado noch landen können», sagt ein Teilnehmer der Gedenkfeier.

Swissair-Flug 330 befand sich auf dem Weg von Zürich nach Tel Aviv. Unmittelbar nach dem Start explodierte eine Bombe im Frachtraum der Maschine. Um 13.34 Uhr stürzt die Coronado in den Wald bei Würenlingen. Alle 38 Passagiere und die 9 Besatzungsmitglieder werden getötet. Die Maschine war zufälliges Ziel eines Terroranschlags der palästinensischen Splittergruppe PFLP General Command.

Die Tragödie bleibt bis heute ungeklärt: Die mutmasslichen Täter kommen nie vor Gericht. Die Bundesanwaltschaft hat den Fall im Jahr 2018 zu den Akten gelegt. Recherchen in der NZZ von dieser Woche könnten dem Fall neuen Auftrieb verleihen. Denn: Viele lässt der Absturz nicht in Ruhe. «Für uns Angehörige und Zeitzeugen ist der Fall heute noch sehr präsent», sagt der Sohn des Piloten der Unglücksmaschine, Ruedi Berlinger.

Zusammen mit Arthur Schneider, dem ehemaligen Gemeindeammann von Würenlingen, organisierte er beim Denkmal an der Absturzstelle eine Feier zum Gedenken an die Opfer. Auf die Minute 50 Jahre nach dem Absturz eröffnet er zusammen mit seiner Partnerin die Feier; die beiden spielen «Amazing Grace» auf dem Dudelsack. Ansonsten herrscht absolute Stille im Wald.

Versöhnliche, aber auch mahnende Worte

Erschienen sind zahlreiche Angehörige, Zeitzeugen und geladene Gäste. Zu ihnen gehört auch Jean-Pierre Gallati (SVP). Der Aargauer Regierungsrat wies in seiner Rede darauf hin, dass der Anschlag auf die Swissair-Maschine bis heute der grösste Terrorakt ist, der in der Schweiz verübt worden sei. «Die Frage ist, wie wir damit umgehen.» Gallati machte in seiner Rede keinen politischen Exkurs. Er stellte gleichwohl klar, dass die Aargauer Regierung in der Vergangenheit die Bundesbehörden immer wieder aufrief, das Verbrechen aufzudecken – zuletzt 2016.

Gedenkanlass für Flugzeugabsturz in Würenlingen

Gedenkanlass für Flugzeugabsturz in Würenlingen

  

Gallati betonte, dass die Feier den Angehörigen und allen Leidtragenden der Katastrophe gewidmet sei. «Der Flugzeugabsturz hat nicht nur eine tiefe Schneise in den Würenlinger Wald geschlagen und das Verhältnis zwischen Bürger und Staat belastet, sondern vor allem bei den betroffenen Menschen eine tiefe Schneise in ihre Herzen gerissen.» Zu ihnen gehört Ruedi Berlinger: Die Tragödie hat sein Leben und das seiner Familie auf einen Schlag verändert und begleitet ihn bis heute.

Berlinger war damals acht Jahre alt. «Ich kann mich noch gut an diesen Tag erinnern. Plötzlich klingelte es an der Haustür. Meine Mutter öffnete und zwei ernst dreinblickende, uniformierte Männer von der Swissair standen draussen. Einige Minuten später kam meine Mutter zu mir und sagte: De Papa chunnt nieme hei.»

Der Unterwald galt schon lange als verflucht

Der Würenlinger Unterwald galt längst als verflucht, als die Coronado hier abstürzte. Im Jahr 1760 wurde laut Sage ein geistig behinderter Holzsammler durch einheimische Nachtbuben verbrannt. «Der Himmel rächte sich dort später durch einen Flugzeugabsturz», schreibt der Historiker Pirmin Meier, der im Dorf aufgewachsen ist. «An solchen Stätten, einem verfluchten Ort, bleibt es dauerhaft nicht geheuer.»

Unter den 47 Opfern waren 15 israelische Staatsbürger. Darum trat auch Jacob Keidar, Botschafter Israels in Bern, ans Pult. «Mit Trauer im Herzen denken wir an alle Familien, deren Leben bei diesem Terroranschlag auf den Kopf gestellt wurden», sagt er. Und weiter: «Es steigen mir jedes Mal die Tränen in die Augen, wenn ich die letzten Worte der Piloten höre: ‹We are crashing – goodbye everybody, goodbye everybody›.» Israel reiche all jenen die Hand, «die mit uns in Frieden leben wollen», sagt Keidar. «Aber wir werden diejenigen verfolgen, die uns schaden wollen und uns töten. Wir werden ihnen den Preis für ihren Hass und ihre Verbrechen auferlegen.»

Nach der Rede tritt Keidar vom Rednerpult, um Blumen niederzulegen. Danach wird unter anderem das jüdische Totengebet «Kaddish» vorgetragen. Auch ein katholischer Seelsorger und ein evangelisch-reformierter Pfarrer sprechen Gebete.

Schockierende Bilder, die sich tief eingeprägt haben

Unauslöschlich eingeprägt hat sich die Tragödie auch bei Peter Gisin aus Würenlingen. Der heute 74-Jährige stand für die Feuerwehr Untersiggenthal im Einsatz und war einer der ersten an dem Absturzort. Er erinnert ein fürchterliches Bild. «Uns war sofort klar, dass hier nichts mehr zu machen war. Überall lagen Leichenteile.» Was er nie mehr aus seinem Gedächtnis verbannen konnte, war eine abgetrennte Frauenhand, die im Unterholz lag.

«Ich sehe die Leichenteile heute noch vor Augen»: ehemaliger Feuerwehrmann über den Einsatz nach dem Flugzeugabsturz von Würenlingen

«Ich sehe die Leichenteile heute noch vor Augen»: Peter Gisin, ehemaliger Feuerwehrmann über den Einsatz nach dem Flugzeugabsturz von Würenlingen

 

Arthur Schneider sprach das Schlusswort: «Wir kämpfen weiter für Gerechtigkeit und gegen das Vergessen.» Und so wie der Gedenkanlass begonnen hat, endete er auch: Mit einem Dudelsackspiel von Ruedi Berlinger.

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