Im Gefängnis hatte er 14 Jahre gesessen. 1999 wurde er wegen guter Führung vorzeitig entlassen. Zwei Jahre später hatte er erneut einen Termin vor Gericht, er hatte sich als Polizist ausgegeben. Er sass vor dem Gerichtssaal im zweiten Stock und wartete auf die Verhandlung. Wir wollten ein aktuelles Bild von ihm, drinnen durfte nicht fotografiert werden. Aber selbstverständlich komme er dafür ins Freie, beantwortete der damals 45-Jährige meine Bitte und «nehmen wir doch den Lift!» Er roch fein. «‹Roma› von Laura Biagiotti», sagte er. Er, Alfredo Valerio Lardelli. 

Nach seinem Tod vergangene Woche hat sein langjähriger Anwalt und Vertrauter Urs Oswald Lardelli einen «Ausnahmemenschen» genannt. War er das wirklich? Als Gerichtsreporterin bin ich vielen verurteilten Mördern begegnet. Etwa dem psychisch Kranken, der seiner kleinen Nichte das Herz aus dem Leib schnitt. Dem gutbürgerlichen Familienvater, der aus Scham, weil er sein Geld verspekuliert hatte, seine Frau und einen Sohn tötete. Dem fünffachen Kindermörder oder den zwei jungen Männern, die wahllos an der Limmat einen Fischer und in Schneisingen eine Volg-Verkäuferin durch eine Türe erschossen hatten …

Das Grauen und das Unfassbare all dieser Taten bleiben mir für immer in Erinnerung; die Gesichter und das Verhalten der Täter im Gerichtssaal haben im Laufe der Jahre an Kontur verloren. Nicht so Lardelli. Zwar bin ich ihm in den letzten Jahren nie mehr begegnet, aber wie ich ihn vor rund einem Vierteljahrhundert erlebt hatte, ist mir gegenwärtig, als wär es erst kürzlich gewesen – besonders sind das jene fünf Tage im März 1989, als er für seine Morde vor dem Bezirksgericht Baden stand.

Angesichts des öffentlichen Interesses war im grossen Saal des Wettinger Rathauses verhandelt worden – insgesamt über 50 Stunden lang. Lardelli hatte in dem bis auf den letzten Platz besetzten Saal ein dankbares Publikum für seine «Show». Von Tag zu Tag eleganter gekleidet, vor Selbstbewusstsein strotzend, siegesgewiss lächelnd und bei gar so mancher Zeugenaussage amüsiert grinsend, nutzte er den Prozess als seine Bühne. Bei seiner Befragung warf er mit Fremdwörtern um sich, wobei es ihm allerdings kaum je gelang, das Adäquate am richtigen Ort zu platzieren.

Alfredo Lardelli - ein Film über das Böse unter uns

Alfredo Lardelli - ein Film über das Böse unter uns

In den kürzeren Pausen vor dem Saal zündete er sich jeweils eine Zigarre an, scherzte mit Zuschauern, Polizisten und auch mit dem damaligen Kripochef Urs Winzenried. In einer Kaffeepause im benachbarten «Zwyssighof» wurde Lardelli von zwei Polizisten in Handschellen hereingeführt. Als er uns Journalisten am Stammtisch sah, deutete er auf uns mit den Worten: «Die Rundi goht uf mi!»

Gut drei Jahre zuvor – am 13. Dezember 1985 – waren im «Aargauer Tagblatt» zwei ganzseitige Anzeigen erschienen: «Auf Schloss Herblingen haben wir am 9. Dezember 1985 das Bündnis geschlossen. Wir grüssen alle unsere Verwandten, Bekannten und Freunde.» Auf zahlreichen Fotos waren (mitnichten Akademiker) «Dr. oec. Alfredo V. Lardelli» und «Christina Lardelli- (Mädchenname)» – sowie die ebenfalls namentlich erwähnten Trauzeugen in feierlichen sowie verliebten Posen zu sehen.

Lardelli war zu jener Zeit geschieden, Christina noch verheiratet mit Vanio V. Als die beiden Seiten erschienen, war V. seit wenigen Stunden tot: Er war in der Nacht zuvor in seiner Wohnung in Würenlingen von Lardelli erschossen worden. Dort hatte dieser in derselben Nacht auch zwei Prostituierte getötet; hatte sie zu sich nach Hause auf den Mutschellen bestellt gehabt und war dann, weil er keine Lust auf Sex hatte, unter einem Vorwand in die Wohnung der Familie seiner frisch «Angetrauten» gefahren.

Nach der Tat hatte Lardelli die Absicht, mit Christina zusammen zum Flughafen München zu fahren. In Rorschach besann er sich eines andern. Er kehrte um, legte auf dem Bezirksamt Baden die Pistole auf den Tisch und ein umfassendes Geständnis ab. Die drei Leichen waren zu der Zeit noch nicht entdeckt worden.

Während den Verhandlungen in Wettingen und später vor Obergericht ist es mir oft schwergefallen, mich nicht über das schauspielerische Talent des Hauptdarstellers zu amüsieren und dabei zu vergessen, dass er gewissenlos drei Menschenleben ausgelöscht hat. Denn immer wieder hat Lardelli mit irritierender Leichtigkeit die Tragödie in eine Komödie verwandelt, das Schreckliche zum Leitmotiv einer Show verkommen lassen.

Nach dem Prozess in Wettingen hat Lardelli seine Wut auf mich und meine Berichterstattung ausgiebig schriftlich bei meinem Kollegen Hans Lüthi, der ebenfalls über die Verhandlung berichtet hatte, deponiert. Etwa am 28. August 1989: «… Wie ich gänzlich konsterniert konstatieren musste, so wurden der Emanze Rosmarie Mehlin die Korrespondenzen zu einer Berichterstattung übergeben … Ich habe es leid, dass diese Emanze ständig so lakonisch und ironisch einen Bericht verfasst … Indessen habe ich meinen Anwalt ersucht, dass der Emanze Mehlin ab sofort keine Informationen erteilt oder gar dokumentiert werden dürfen …»

«Tele M1» am 21.7.2015: Dreifachmörder Alfredo Lardelli ist tot

«Tele M1» am 21.7.2015: Dreifachmörder Alfredo Lardelli ist tot.

Sein Zorn auf mich verrauchte wieder. Auf Papier, das ein Wappen mit Pferdekopf und die grossen violetten Lettern A.V.L. zierten, haben mich nach der Verhandlung vor Obergericht verschiedene Briefe aus Lenzburg erreicht. «Ich werde es inskünftig nicht verbummeln, daran zu denken, dass Sie sich weitherzig mir gegenüber zu verstehen gegeben haben.» (4.2.91). «Sie haben mir mit Hochherzigkeit einige Fotos vom Obergerichtsprozess zugestellt. Ich habe mich immens über die Fotos gefreut, so dass ich Ihnen auch dereinst einen Stein in den Garten kugeln werde.» (3.6.91). «Ich gestatte mir mit aller Höflichkeit, mein Anliegen ehrerbietend Ihnen dar zu tippen. Im BT ist ein gutes Bild von mir mit zwei Polizeibeamten manifestiert, resp. publiziert worden. Ich möchte Sie manierlich anfragen, ob Sie mir ein paar Abzüge erstellen und transmittieren würden.» (22.1.91).

Alfredo Lardelli war mir im Grunde zutiefst zuwider und hat mich doch immer wieder auch fasziniert. War er ein Ausnahmemensch? Ich weiss es nicht. Ich weiss nur, dass er kaum jemanden, der ihm mal begegnet ist, kalt gelassen hat.