Das Bild spricht Bände: Mellikons Gemeindeammann Rolf Laube sitzt am Sonntag alleine in einem Konferenzraum der Propstei in Wislikofen. Sein Blick wandert ratlos an die
Decke. Wenige Augenblicke später verkündet Laube als Vorsitzender der Projektleitung das historische Ergebnis: Acht Gemeinden im Zurzibiet schliessen sich zusammen. Nur eine Ortschaft stimmte Nein und ist nicht dabei: Laubes Mellikon.

Sechs Stimmen gaben den Ausschlag. Für ihn ist es ein bitterer Moment. Er hatte sich – im Gegensatz zu seinen Gemeinderatskollegen – für einen Beitritt eingesetzt. Es bleiben zwei Fragen: Warum stimmte Mellikon gegen die Fusion, und wie geht es mit dem Dorf weiter? Ein Rentner, der zufrieden ist mit dem Ergebnis, sagte dazu gestern Montagmorgen während seines Morgenspaziergangs: «Viele hier hätten sich eine Fusion mit einigen wenigen Gemeinden vorstellen können.»

Aber ein Zusammenschluss von so vielen Gemeinden habe ein zu grosses Gebilde zur Folge. «Sollten alle Stricke reissen, wenn wir es alleine nicht schaffen, dann können wir uns wohl immer noch Zurzach anschliessen», glaubt er. Erstaunt über das Ergebnis ist ein Mann aus dem benachbarten Rümikon. «Ich hätte nicht damit gerechnet, dass das Dorf gespalten wird. Die Melliker bezeichneten ihre Gemeinde zu Recht immer als klein und stark. Künftig wird das Dorf klein und allein sein.» Die Melliker werden noch auf die Welt kommen, ist der Mann aus dem Nachbarort überzeugt.

Rolf Laube, Gemeindeammann von Mellikon: «Die Enttäuschung ist sehr gross»

«Die Enttäuschung ist sehr gross»: Rolf Laube, Gemeindeammann von Mellikon, am Sonntag.

Mellikon ist in zwei Lager geteilt: Diese Einschätzung teilt Denise Spuhler. Sie gehört der Gruppe «Für ein lebenswertes Mellikon», die sich in den Wochen vor dem Urnengang aktiv mit Flugblättern und Leserbriefen gegen eine Fusion aussprach. «Es gibt Gräben. Die Stimmung war teils sehr aggressiv. Emotionen hätte es aber auch bei einem Ja gegeben», sagt sie. «Doch wir sollten jetzt alle Ruhe bewahren.»

Wie also weiter in Mellikon? Jean-Claude Kleiner, der das «Rheintal+»-Projekt als externer Berater begleitete, sieht auf die Gemeinde schwierige Zeiten zukommen. Kleiner verfügt auf diesem Gebiet über ausreichend Erfahrung. Er leitete Dutzende von Projekten. Viele gelangen, einige nicht. «Auf Mellikon warten grosse Herausforderungen.

Der Gemeinde steht wohl ein steiniger Weg bevor.» Er befürchtet, dass es für die Melliker kostspielig werden könnte. «Man wird beispielsweise eine eigene Verwaltung aufbauen oder sich einer anderen anschliessen müssen.» Dies sei zwar möglich, werde aber bestimmt anspruchsvoll, glaubt Kleiner.

Starker Bevölkerungsrückgang in den letzten drei Jahren

Denise Spuhler teilt diese Bedenken nicht. Optionen wie partnerschaftliche Zusammenarbeiten mit umliegenden Gemeinden würden weiterhin bestehen. Abklärungen des Gemeinderates hätten bereits ergeben, dass Siglistorf an einer Zusammenarbeit interessiert sei, und Fisibach, das sich bereits im Frühling aus dem Fusionsprojekt zurückgezogen hatte, einer Verwaltungszusammenarbeit ebenfalls offen gegenüberstehe. Jean-Claude Kleiner äussert dazu seine Vorbehalte. «Die Wege würden auch nicht kürzer werden.»

Mit 220 Einwohnern wird Mellikon ab 2022 die kleinste Gemeinde im Zurzibiet und die drittkleinste im Kanton Aargau sein – dies, weil das noch kleinere Rümikon in das neue Gebilde Zurzach integriert wird. Der Bevölkerungsrückgang zählt zu den Problemen: In den vergangenen drei Jahren ging die Einwohnerzahl um 16 Prozent zurück.

Zahlreiche Aufgaben werden längst in Nachbargemeinden wahrgenommen: Das Gemeindebüro befindet sich in Rekingen, das Finanzamt in Böbikon, die Schulen in Wislikofen, Rekingen und Bad Zurzach. Vor einigen Monaten schloss auch noch das Restaurant «Jägerhof». Stolz sind die Melliker trotzdem auf ihr Dorf – vor allem wegen der Nähe zum Wald und zum Rhein.

Und wegen ihres Wahrzeichens: dem Steinbruch. Auch dieser spielte bei der Abstimmung womöglich eine Rolle. Für die geplante Inertstoffdeponie erhält die Gemeinde Mellikon eine angemessene jährliche Entschädigung von der Steinbruch Mellikon AG.

«Es gab nicht wenige, die mit einem Nein verhindern wollten, dass diese Beiträge an die Grossgemeinde Zurzach gehen», vermutet ein Mann Mitte 30. Auch die Gruppe für ein Nein argumentierte: «Allenfalls erübrigen sich durch diese Entschädigung die Ergänzungsbeiträge des Kantons, und der Steuerfuss in Mellikon könnte dementsprechend tiefer angesetzt werden.»

«Ein Wiedererwägungsgesuch wäre problematisch»

Denise Spuhler von der Gruppe gegen eine Fusion sagt: «Der Dialog ist jetzt wichtig. Wir können uns vorstellen, einen Anlass zu organisieren, in dem wir mit der Bevölkerung Lösungswege besprechen, wie die Zukunft von Mellikon aussehen wird.»

Ein mögliches Wiedererwägungsgesuch, wie es Ammann Rolf Laube am Sonntag antönte, fände Spuhler problematisch. «Wir leben in einer direkten Demokratie und sollten den Entscheid akzeptieren. Sonst besteht die Gefahr, dass man die Bevölkerung gegeneinander aufhetzt.»