«Treffen wir uns doch in Olten.» Andreas Spörri klingt belustigt, als die Rede auf diesen Eisenbahnknotenpunkt der Schweiz kommt, dessen Bahnhofbuffet ein bevorzugter Ort für Sitzungen von Unternehmen, Verbänden, Parteien, Gewerkschaften und Behörden ist. Weshalb nicht auch für einen Dirigenten, der dauernd auf dem Sprung ist – nach Luzern, Wien, St. Petersburg, Kairo oder Montreal, um nur einige Stationen zu erwähnen?

Zum schwarzen Espresso passt das schwarze, gediegene Outfit des Musikers, der soeben eine anstrengende Probe hinter sich hat. Durch die Brillengläser blicken braune Augen oft ernst, aber noch öfter vergnügt. Andreas Spörri freut sich, wenn er – sorgsam formulierend – seinem Gegenüber erzählen kann, was ihm seit Kindsbeinen Lebenselixier ist: Musik.

Der heute 56-Jährige wächst in Untersiggenthal auf. Er ist Mitgründer des Badener Singkreises; studiert in Basel und Wien Dirigieren, Trompete und Komposition. Während seiner Studienzeit dirigiert er neben der basel sinfonietta das Blechbläser Ensemble des Radiosinfonieorchesters Basel sowie die Musikgesellschaft Döttingen, die ihn schon mit 25 Jahren zum Ehrendirigenten ernennt.

«Ohne Respekt geht nichts»

«Donnerwetter», denkt man. Spörri lächelt verschmitzt, als ob er wüsste, was seinem Gegenüber durch den Kopf geht. «Eine Karriere? Die habe ich nie angestrebt.» Sondern? «Ich wollte die Menschen immer begeistern für das, was mit Musik möglich ist: Eine Geschichte erzählen.» Das kann nur, wer als Dirigent auch über die energetische Wirkung von Handzeichen Bescheid weiss und den menschlichen Körper als Instrument versteht.

Dirigieren, erfährt Andreas Spörri seit 40 Jahren, ist Kommunikation. «Empathie ist eine der Voraussetzungen, um mit einem Orchester zu arbeiten, aber man muss auch führen können. Eines ist ganz wichtig: Ohne Respekt geht nichts.»

Für Spörri sind «Hochkultur und Volkskultur kein Widerspruch»; er erkennt in der Musik «keine Gegensätze, sondern nur Beziehungen». Diese Offenheit lässt international aufhorchen. Um eine Stelle habe er sich nie bewerben müssen, sagt er: «Ich bin stets berufen worden» – in den Neunzigerjahren nach Russland als Principal Guest Conductor des Hermitage Symphony Orchestra – Camerata St. Petersburg. «Raten Sie mal, wo der Klangkörper des weltberühmten Ermitage-Museums geprobt hat? Im Zarentheater.»

Mit diesem ist das moderne KKL Luzern nicht zu vergleichen. Aber auch dort lässt es sich prächtig musizieren: Spörri ist Künstlerischer Leiter und Dirigent der Galakonzerte zum Neujahr und der Wiener Sommergala. Dann hält jeweils das Wiener Opernball Orchester Einzug, dem der Schweizer als Principal Guest Conductor vorsteht. Spörris Augen funkeln: «Als wir uns das erste Mal begegnet sind, war es Liebe auf das erste Musizieren.» Flugs schiebt der Dirigent nach: «Die Wiener Szene ist der Vatikan der klassischen Musik.»

Mit dem erwähnten Orchester hat er 2015 zum sechsten Mal den Wiener Opernball dirigiert – «eine ebenso wunderbare wie anspruchsvolle Arbeit, die von uns eine siebenstündige Präsenz erfordert. Zudem müssen wir über 50 Werke intus haben».

Selbst als es kritisch war

Von Liebe auf den ersten Blick darf wohl auch das Cairo Symphony Orchestra sprechen. Nach einem packenden Dirigat von Schostakowitschs 5. Sinfonie bekommt Spörri 2007 eine Einladung «zum Bleiben als Chef». Von da an hat der Schweizer auch in Kairo ein Domizil, «mitten in einer Stadt, die nie zur Ruhe kommt». Will er diese, muss er in die Wüste fahren, die 20 Minuten von seiner Wohnung entfernt ist.

Kairo liegt nicht an der typischen Reiseroute eines Dirigenten. Was hat den Schweizer an der Aufgabe in Ägypten gereizt? «Die völlig andere Kultur. Und: das Arbeiten mit einem Orchester, das mit dem Chor rund 200 Mitglieder aufweist.»

Weil Neues in Europa ansteht, gibt Spörri den Chefposten schliesslich ab, doch er hält dem Cairo Symphony Orchestra weiter die Treue. «Ich habe alle Umstürze miterlebt», sagt er nachdenklich, «doch ich hätte nie ein Konzert abgesagt. Ich war selbst dann in Kairo, wenn die Lage kritisch war.» Im August wird Andreas Spörri wiederum in die ägyptische Metropole reisen – zu einem weiteren Konzert.

«Orchester ist ein Geschenk»

Vielleicht wird er auf dem Flug Rückschau halten auf die von ihm 1999 gegründeten Internationalen Classionata Musiktage im kleinen Dorf Mümliswil, die in diesem Jahr zum neunten Mal stattgefunden haben.

Ein Kollege hatte den Dirigenten einst ermuntert: «Komm doch zu uns, ins solothurnische Guldental.» Also fuhr Andreas Spörri hin, «denn Musik muss jedermann zugänglich sein – nicht nur in den grossen Städten, sondern auch auf dem Land». Deshalb findet das Festival, das explizite Breitenwirkung anstrebt, im Zweijahresrhythmus statt – mit enormem Publikumszuspruch für Werke aus dem Zeitalter der «Goldenen Operette», Orchesterkonzerte sowie Meisterkurse.

Die Nachfolge des Hermitage Symphony Orchestra – Camerata St. Petersburg hat in Mümliswil mittlerweile das von Spörri 2010 ins Leben gerufene Classionata Symphonie Orchester angetreten. Der Dirigent verstummt, bevor er ein dickes Lob ausspricht: «Es vereint lauter hochmotivierte Profimusikerinnen und -musiker zwischen 25 und 35 Jahren mit grossartigem Können. Dieses Orchester ist ein Geschenk.»

Ein solches sind auch jene drei Kompositionen, die Andreas Spörri, das Classionata Symphonie Orchester und der Top-Klarinettist Dimitri Ashkenazy anlässlich der Mozart-Gala in der Kirche Leuggern spielen werden: Die Ouvertüre zur Oper «Die Zauberflöte», das Klarinettenkonzert und die Sinfonie in C-Dur («Linzer Sinfonie»). «Das ist ein Heimspiel», frohlockt Andreas Spörri und spielt damit auf vorgängige Orchesterkonzerte im Unteren Aaretal an. Der Dirigent freut sich auf den Mai-Anlass in Leuggern, bei dem er sich einmal mehr «als Vermittler sieht, um die Notenschrift des Komponisten in Emotionen zu übertragen».

Mozart-Gala Mit dem Classionata Symphonie Orchester unter Andreas Spörri: Samstag, 2. Mai, 19.30 Uhr, Kirche Leuggern. Vorverkauf: www.kath.ch/leuggern oder bei der Raiffeisenbank Böttstein, Tel. 056 269 10 60.