Beatrice (53) und Jean-Claude Brun (54) haben sich als Wirtepaar des «Alpenrösli» in Schneisingen einen Namen gemacht. Vor sechs Jahren suchten sie eine neue Herausforderung und übernahmen das «Central» in Niederohrdorf. Doch dann meldete sich das Heimweh – Heimweh nach Schneisingen, wo das Paar ein Haus besitzt und sich zu Hause fühlt. Ein weiterer Grund für die Rückkehr ins Alpenrosendorf war die Arbeitszeit: «In Niederrohrdorf haben wird 180 Prozent gearbeitet. Jetzt sind es nur noch 100 Prozent», sagt Beatrice Brun.

Die Bruns sind sich gewohnt, viel zu arbeiten – auch im «Leuehof», auf dem zuletzt der Sternekoch Sigi Rossal tätig gewesen war. Die Bruns hatten schon in ihrer Zeit im «Alpenrösli» ein Auge auf den «Leuehof» geworfen, doch der war zu dieser Zeit nicht frei. Vor einem Jahr jedoch ergab sich die Möglichkeit, das Restaurant zu übernehmen. «Da haben wird sofort zugegriffen», erinnert sich Beatrice Brun, die im Hause für den Service zuständig ist, während ihr Ehemann in der Küche zum Rechten sieht. «Mit der Übernahme des ‹Leuehofs› ist für uns ein Traum in Erfüllung gegangen», sagen Beatrice und Jean-Claude Brun. «Das Haus ist für uns und vor allem für die Gäste eine Oase der Ruhe. Wer durch den Torbogen hindurch fährt, fühlt sich wie in einer anderen Welt.»

Die Rückkehr nach Schneisingen empfindet das Wirtepaar als «glückliche Heimkehr». In Schneisingen habe sich nicht viel verändert, sagen sie. «Vieles ist so geblieben, wie wir es aus unserer Zeit im ‹Alpenrösli› gekannt haben. Nur die Gäste sind ein wenig älter geworden.»

Duft des Waldes in der Gaststube

Die Bruns arbeiten pro Tag zwar weniger Stunden als in Niederrohrdorf, wo der Mittagsservice bestritten werden musste, doch die Freude an der Arbeit ist geblieben. «Wäre die Freude am Bewirten der Gäste nicht mehr da, müssten wir schnell wieder dichtmachen», sagt Jean-Claude Brun. Für den Küchenchef sind die nachprüfbare Herkunft der Produkte, die konstante Qualität sowie die schöne Präsentation das Wichtigste. «Ich habe noch nie ein schön angerichtetes, aber ungeniessbares Gericht gesehen», sagt Jean-Claude Brun. Die Philosophie des «Leuehofs» sei, die Teller so zu präsentieren, dass sie von den Gästen fotografiert werden.

Mit der Molekularküche oder anderem Schnickschnack haben die «Leuehof»-Wirte wenig bis gar nichts am Hut. Sie stehen zwar für eine gehobene Gastronomie, möchten aber, dass das geschichtsträchtige Haus im Herzen von Schneisingen für alle zugänglich und das Angebot bezahlbar ist. Besonders stolz sind die Bruns auf den grossen, neuen Tisch aus einem riesigen Ulmenstamm, gefertigt von Schreinermeister Werner Barnetta aus Mellingen. Der Tisch steht bereit für Gäste, die eine Kleinigkeit essen, ein Glas Wein oder ein Bier trinken und sich unterhalten möchten. Jean-Claude Brun bringt es auf den Punkt: «In der Gaststube darf es ruhig auch mal nach Waldumgang riechen.»

Eine wechselvolle Geschichte

Der «Leuehof» steht auf einer Geländeterrasse mitten im Dorf Schneisingen. Das stattliche Gebäude stammt aus der Mitte des 16. Jahrhunderts. Der «Leuehof» wurde 1996 umgebaut und renoviert. Der Brunnen im romantischen Hof ist einer der ältesten in Schneisingen.

Seit dem Spätmittelalter ist er ein wichtiger Mittelpunkt des Dorfes. Geschichten aus dem früheren «Löwen» sind gemäss der von Sarah Brian, Bruno Meier und Andreas Steigmeier verfassten Ortsgeschichte nur wenige bekannt: 1524 warb ein Zürcher im Schneisinger Wirtshaus für die reformatorische Lehre. Kurze Zeit später wurde er von der Obrigkeit verhaftet und in Baden hingerichtet.

Bis zum Bau des Schulhauses 1897 diente der «Löwen» auch als Versammlungsraum für Gemeindeversammlungen oder als Handarbeitsraum, weil dafür im alten Schulhaus kein Platz war. Allerdings reklamierte die Erziehungsdirektion, die Schule passe nicht in ein Wirtshaus. Diese als Provisorium gedachte Lösung dauerte fast 25 Jahre. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde im «Löwen» ein Stück Auswanderungsgeschichte geschrieben: Agenten waren eingeladen worden, dem Gemeinderat Offerten für die Auswanderung von Familien zu unterbreiten. In grosser Gefahr war der Löwen am 29. Mai 1855, als gegenüber dem Gasthaus vier Häuser vollständig abbrannten und vier weitere beschädigt wurden.