Eine Ehe ist, genauso wie die Liebe, auf der sie gemeinhin zu basieren pflegt, eine fragile Angelegenheit. Gefühle, Wünsche, Ansichten finden darin ein äusserst breites Tummelfeld – ein Spektrum, das von Wolke Sieben über Alltag bis hinunter zur Hölle reicht. Entsprechend inspiriert die Ehe seit Jahrhunderten Künstler – Maler, Musiker, Bildhauer und besonders Schriftsteller von Shakespeare bis Edward Albee. Von Goethe etwa stammt der Rat «Im Ehestand muss man sich manchmal streiten, denn dadurch erfährt man mehr voneinander.» Indes – auch Streit ist ein weitgefasster Begriff, kann er doch von einer Stichelei bis zum Kapitalverbrechen reichen.

«Kleine Eheverbrechen» nennt der französische Schriftsteller Eric Emmanuel Schmitt sein Theaterstück aus dem Jahre 2003. Der 59-jährige gebürtige Elsässer gehört heute weltweit zu den meistgelesenen und inszenierten französischen Autoren. Seine Bücher liegen in 43 Sprachen übersetzt vor und seine Stücke werden in über 50 Ländern regelmässig aufgeführt.

In Kaiserstuhl war vor 14 Jahren der damalige Theaterleiter, Regisseur und Schauspieler Jon Laxdal während der Proben zu «Kleine Eheverbrechen» unerwartet verstorben. Die Aufführung war im Sinne Laxdals dennoch zustande gekommen. Nun machen «Die Kollaborateure», eine kleine Gastspieltruppe, mit dem Stück auf der Kaiserbühne Station. Deren Leiter, Peter-Niklaus Steiner, hat die End-Regie übernommen. Sie war nötig, ist der Amtshauskeller doch, nebst seinem Zauber, räumlich eine besondere Herausforderung für die Akteure.

Diwan, Ständerlampe, Bank, Bürostuhl, Schränkchen, Bücherkiste, Garderobenständer, ein modernes Bild auf einer Staffelei – in dieses unauffällige, gemütliche Ambiente treten Lisa und Simon. Sie kommt nach Hause – er theoretisch auch. Allerdings weiss er es nicht, da er nach einem Unfall an einer zumindest teilweisen Amnesie leidet. Mit viel Inbrunst und Geduld versucht Lisa, ihm die Erinnerungen zurückzugeben.   

Die Erinnerungen an 15 Jahre Ehe, intensiven und häufigen Sex, daran, dass er Kriminalschriftsteller und Hobbymaler ist. Schon bald aber dämmert dem geneigten Publikum, dass etwas nicht stimmt – bei ihr nicht und bei ihm nicht. Scheinbare Tatsachen beginnen zu bröckeln und tauchen – feingewoben wie Spinnennetze – offensichtliche Lügengebilde auf. Die enorme Dichte der Dialoge fordert den Zuschauer, die ausgeklügelt verstrickte Handlung zieht ihn immer stärker in Bann: Die Spannung wächst von Minute zu Minute.

Subtil, raffiniert und temporeich, entwickelt sich «Kleine Eheverbrechen» von der zwischenmenschlichen Tragödie über einen Krimi hin zum Psychothriller. Messerscharf seziert Schmitt die Ehe von Lisa und Simon. Gebannt hört und sieht das Publikum zu, auch, weil mancher Zuschauer sich wohl in der einen oder anderen Sentenz wiedererkennen dürfte.

Vor allem aber – last but not least – weil Franca Basoli und René Schnoz dem Ehepaar bei aller Dramatik jene Durchschnittlichkeit verleihen, welche Lisa und Simon authentisch und nachvollziehbar machen. Beide Akteure – sie Zürcherin, er Bündner – packen mit ihrer differenzierten, schönen Hochsprache ebenso, wie sie durch kraftvolle Bühnenpräsenz restlos überzeugen.

Weitere Vorstellungen auf der Kaiserbühne am 3., 10. und 11. Mai (jeweils 20 Uhr), am 5. Mai (17 Uhr) sowie am 12. Mai (19 Uhr). www.kaiserbuehne.ch