Der 21. April 1909 geht als denkwürdiger Tag in die Zurzibieter Sportanalen ein. Im Restaurant Sternen in Zurzach trifft sich eine kleine Schar von Radsportbegeisterten. Die neun Personen sind sich schnell einig: Nach einer Stunde gründen sie den Veloclub Zurzach. Nächstes Jahr wird der Verein 110 Jahre alt. Eigentlich Anlass genug, um das Jubiläum mit einem Fest zu würdigen. Doch nach feiern ist den Mitgliedern gerade nicht zu Mute. Den Klub plagen existenzielle Sorgen. Vorbei die Zeiten, als Lokalmatador Ernst Stettler nach dem Zweiten Weltkrieg mit seinen Erfolgen an der Tour de Suisse und an den Weltmeisterschaften im Bezirkshauptort einen wahren Veloboom auslöste, und als die nationalen Rad-Ikonen Ferdi Kübler und Hugo Koblet um die Häuserecken im Flecken pedalten. Der VC Zurzach zählte damals zu den angesehenen Zweiradadressen im Land.

Vom einstigen Glanz ist nicht viel übrig geblieben. Der Lack ist ab. An der jüngsten Generalversammlung verloren sich im Saal des Restaurant Schwerts gerade noch gut ein Dutzend Mitglieder. Der Verein leidet an Überalterung und Mitgliederschwund. «Es gibt nichts zu beschönigen. Wir haben gravierende, personelle Probleme», sagt Präsident Patrick Oeschger. Der überwiegende Teil ist inzwischen jenseits der 60, Nachwuchs ist keiner in Sicht. Das jüngste Mitglied ist 34 – Patrick Oeschger.

Gesellschaftlicher Wandel

Das Problem ist paradox: Während der Absatzmarkt von Velos in der Schweiz boomt, kämpfen viele Klubs ums Überleben – oder verschwinden. Laut Velosuisse, der Vereinigung der Schweizer Veloimporteure, wurden im vergangenen Jahr in der Schweiz 338 000 Velos und E-Bikes verkauft, was einer Zunahme von 4,2 Prozent gegenüber 2016 entspricht. Tendenz steigend.

Vom Konsumrausch können die Vereine indes nicht profitieren. Besonders jene, wie der VC Zurzach, die auf Strassenradsport spezialisiert sind, machen schwere Zeiten durch. Ein Zahlenbeispiel: Der Anteil lizenzierter Fahrer hat sich beim nationalen Radverband Swiss Cycling innerhalb weniger Jahre um ein Viertel reduziert. Ähnlich düster präsentiert sich das Bild bei der Durchführung von Strassenrennen. Einst konnten ambitionierte Nachwuchsfahrer hierzulande wöchentlich an stark besetzten Wettkämpfen teilnehmen. Inzwischen ist die Anzahl auf ein Minimum geschrumpft. Ganz zu schweigen von den Rennen mit internationaler Ausstrahlung. Der GP des Kantons Aargau in Leuggern ist inzwischen das Letzte seiner Art. Legendäre Veranstaltungen wie die Züri-Metzgete, Stausee-Rundfahrt, der GP von Luzern oder GP Tell sind von der Bildfläche verschwunden.

Dass der Strassenradsport in der Gunst des Publikums eingebüsst hat, bekommt die Basis besonders empfindlich zu spüren. Was in Bad Zurzach momentan passiert, ist kein Einzelfall. Das grundlegende Problem ortet Patrick Oeschger nicht an der Sportart an sich, sondern in der individualisierten Entwicklung der Gesellschaft. «Immer weniger Leute sind heute bereit, sich für das Gemeinwohl zu engagieren.» Das Vereinswesen stehe generell unter Druck, so Oeschger.

Fusion keine Lösung

Beim VC Zurzach gehen die Mitgliederzahlen seit Jahren zurück. «Dadurch müssen die Aufgaben auf immer weniger Schultern verteilt werden», sagt Patrick Oeschger. Irgendwann gehe die Rechnung nicht mehr auf. Momentan zählt der Verein noch rund 20 Mitglieder, die sich aktiv beteiligen, in den Spitzenzeiten war es weit über Hundert.

Auch Oeschger hat die Reissleine gezogen. Als Inhaber einer Gartenbaufirma in Klingnau ist er zeitlich ebenfalls stark ausgelastet. An der Generalversammlung gaben er und der Aktuar nun ihren Rücktritt aus dem Vorstand bekannt. Da das fünfköpfige Gremium bereits zuvor eine Vakanz hatte, droht dem Verein, gemäss Statuten, die Handlungsunfähigkeit. Deshalb sucht man jetzt fieberhaft nach Lösungen. Da sich von den eigenen Mitgliedern niemand für ein Amt zur Verfügung stellen will, wurde Oeschger beauftragt, sich extern nach geeigneten Personen umzusehen. «Was nicht einfach werden dürfte», macht er sich nichts vor.

Was mit dem VC Zurzach geschieht, sollte der Vorstand nicht neu besetzt werden, ist derzeit offen. Denkbar wäreeine Fusion mit einem anderen Klub. «Das Problem ist nur, dass andere Veloclubs die gleichen Sorgen haben», so Oeschger. Was man unter allen Umständen verhindern möchte, ist eine Auflösung. Ein Ende des VC Zurzach wäre – da sind sich die verblieben Mitglieder einig – mit Sicherheit nicht im Sinne der stolzen Gründer vom Restaurant Sternen.