Der Fall hatte im vergangenen Herbst einigen Staub aufgewirbelt: Fünf Jahre suchte der Würenlinger Hausarzt Peter Horowitz (70) einen Nachfolger für seine Praxis. Als er glaubte, ihn endlich gefunden zu haben, machte ihm der Kanton einen Strich durch die Rechnung. Der Kantonsarzt verweigerte die Zulassung des 43-jährigen Kandidaten aus Deutschland.

Seit dem 15. März 2017 wird im Aargau die Zulassungsbeschränkung (Ärzte-Stopp) des Bundes konsequent umgesetzt. Grund: Mögliche Qualitätsprobleme bei Ärzten aus dem Ausland, sagt das kantonale Gesundheitsdepartement (DGS) von Regierungsrätin Franziska Roth (SVP). Schweizer Interessenten hatte Horowitz keine. Die Konsequenz: In der 4600-Einwohner-Gemeinde Würenlingen geht die Angst um, dass es bald nur noch einen Hausarzt geben könnte.

Besonders ärgerlich aus Horowitz’ Sicht: Ein Teil der Dokumente seines potenziellen Nachfolgers wurde noch vor dem 15. März durch den Bund abgesegnet, der andere Teil erst danach (am 21. März). Der Kanton gab ihm zu verstehen: Frist verpasst. Regierungsrätin Roth hätte als Departements-Vorsteherin die Kompetenz gehabt, eine Ausnahme zu bewilligen. Nichts geschah.

Ex-Ammann schaltet sich ein

Peter Horowitz entschied sich im Herbst, mit dem Thema an die Öffentlichkeit zu gehen. Die Reaktionen waren zahlreich. CVP-Grossrat René Huber reichte im Zusammenhang mit der verhinderten Nachfolgelösung beim Regierungsrat eine Interpellation ein. Leserbriefe wurden geschrieben, ein Facebook-Aufruf von Horowitz’ Frau wurde über 2300 Mal geteilt. Rund ein Dutzend Würenlinger schrieben einen besorgten Brief an den Regierungsrat.

Auch der umtriebige Alt-Gemeindeammann Arthur Schneider (76) hat sich in die Diskussion eingeschaltet. «Die heutigen Patienten von Peter Horowitz müssen irgendwo ärztlichen Unterschlupf suchen. Ein Unterfangen, das absolut nicht einfach ist», sorgt er sich. Schneider selbst kann sich noch an Zeiten erinnern, als es in Würenlingen gar keinen Hausarzt gab. Von der bevorstehenden Schliessung der Praxis ist er nur indirekt betroffen. Er selbst geht seit jeher in Untersiggenthal zum Hausarzt, seine Frau ist jedoch eine Patientin Horowitz’, der Ende März in Pension gehen will.
Lockerung in Einzelfällen?
Der engagierte Alt-Ammann macht sich für eine Fortführung der Praxis stark. Wie andere Würenlinger hat er einen besorgten Brief an den Regierungsrat geschickt. Auf Nachhaken und nach weiteren Briefen an die Fraktionschefs hat er Antwort erhalten. Franziska Roth stellt gar in Aussicht, ihn zu einem persönlichen Gespräch einzuladen. Sie lässt Schneider wissen: Die Erfahrung der letzten Monate habe gezeigt, dass insbesondere in ländlichen Regionen ein Mangel an Grundversorgerpraxen bestehe. Das Departement Gesundheit und Soziales sei mit dem Aargauischen Ärzteverband in Kontakt, ob und nach welchen Kriterien die Zulassungsbeschränkung bei der Grundversorgung allenfalls in begründeten Einzelfällen gelockert werden könne.
Auch SVP-Fraktionschef Jean-Pierre Gallati hat in einer Mail Verständnis für die Würenlinger Anliegen gezeigt und Schneider versprochen, das Gespräch mit Franziska Roth zu suchen. Er selbst kenne das Problem nach der Auflösung einer Hausarztpraxis aus eigener Anschauung. Gallati gibt aber auch mit Blick auf den am Mittwoch verhafteten Skandalarzt Ingo Malm zu bedenken, was passieren kann, wenn Zulassungen faktisch ohne vorherige Prüfung erteilt werden.
Angst vor einem Präjudiz
Schneider hofft, dass der Kanton die verschärften Zulassungsbedingungen für Ärzte aus dem Ausland in Zukunft weniger rigoros umsetzen wird. Dass in begründeten Fällen Ausnahmeregelungen möglich sind – wie dies vor dem 15. März 2017 im Aargau üblich war und in anderen Kantonen noch immer üblich ist. Ihm ist aber klar, dass der Kanton mit dem Fall in Würenlingen kein Präjudiz schaffen will, das alle Schleusen öffnet. Zumindest sei der Stein nun ins Rollen gekommen, sagt Schneider. Nachfragen und Nachhaken lohne sich in der direkten Demokratie. Peter Horowitz selbst möchte sich zum «laufenden Verfahren» nicht äussern. Ihm sei wichtig, dass die zuständigen Stellen nun in Ruhe ihre Arbeit erledigen können, lässt seine Frau Helen Häberli ausrichten. Sie lässt aber durchblicken, dass ihr Mann bereit wäre, die Arbeit in seiner Praxis über den März hinaus in reduziertem Rahmen fortzusetzen. Voraussetzung dafür sei aber, dass die Gesundheitsdirektion dem gewünschten Nachfolger aus Deutschland, der immer noch an einer Übernahme der Praxis interessiert ist, sehr rasch grünes Licht erteilt. Erste Schritte zur Auflösung der Praxis sind nämlich bereits in Gang und lassen sich bald nicht mehr rückgängig machen.
Schneider sagt: «Oberste Priorität hat für mich die Weiterführung der Praxis. Weiter muss der Nachfolger gut ausgebildet und qualifiziert sein, aber Landesgrenzen sind für mich kein Kriterium. Drittens wäre es wünschenswert, wenn es ein junger Arzt ist, damit wir nicht in wenigen Jahren wieder vor demselben Problem stehen.»