Wer vom Jodeln spricht, dem kommt reflexartig der Jodlerklub Wiesenberg, Heimweh oder Gölä mit «Urchig» in den Sinn. Sie haben etwas geschafft, das vor wenigen Jahren noch undenkbar schien. Jodlerchörli in der Schweizer Hitparade. Alle drei haben mit ihrem «Jodelchörli-Pop» Platinstatus für 20 000 verkaufte Einheiten erreicht.

Von diesem Boom können die traditionellen Jodelklubs in der Region allerdings nicht profitieren. Bestes Beispiel ist der Jodelklub am Rhy, der am vergangenen Wochenende seinen jährlichen Jodlerabend im Gemeindezentrum in Bad Zurzach durchführte. Der Saal war mit 350 Personen zwar voll besetzt und die Stimmung bestens. Präsident Markus Utzinger weiss aber auch, dass der Klub, der 1921 gegründet wurde, ein dringendes Problem hat: den fehlenden Nachwuchs.

Von den 18 aktiven Mitgliedern ist nur eine Person unter 30. Utzingers Tochter Corinne (20). Die Mehrheit ist sechzig und älter. «Wir sind in einer Randregion, die ländlich ist, aber über ein grosses Freizeitüberangebot verfügt. In diesem Umfeld ist es schwierig, Junge von unserem Brauchtum zu begeistern», bedauert Markus Utzinger.

Mit dieser Problematik steht der Jodelklub am Rhy bei weitem nicht alleine da. Während in den Jodel-Hochburgen der Innerschweiz, in beiden Appenzell, dem Toggenburg oder dem Berner Oberland der Jodelgesang nach wie vor gelebte Tradition ist und kaum Nachwuchsprobleme kennt, kämpfen die Vereine in der Nordwestschweiz gegen Mitgliederschwund und Überalterung, wie Silvia Meister, die Präsidentin des Jodlerverbands Nordwestschweiz (Solothurn, Aargau und beide Basel) vor kurzem in der «Schweiz am Wochenende» sagte.

Hoffen auf den Basel-Effekt

Wie man den anhaltenden Rückgang stoppen kann, beschäftigt auch Markus Utzinger. Er ist seit vier Jahren Vereinspräsident und jodelt seit bald 40 Jahren im Klub aus Bad Zurzach. Ein mögliches Rezept sieht Utzinger in der Öffnung, beispielsweise von modernen Elementen. Wie an der jüngsten Abendunterhaltung. Der Song «Amazing Grace» wurde mit Alphorn, Gesang und Orgel begleitet. Einen kleinen Teilerfolg durfte Utzinger danach verbuchen. Eine jüngere Person erkundigte sich bei ihm nach den Probezeiten. Man dürfe sich bei ihm auch sonst jederzeit melden, so Utzinger.

Ungeachtet dessen wird von ihm und auch den beiden anderen Jodelklubs im Bezirk Zurzach (das Echo vom Surbtal aus Endingen und der Jodelklub vom Studenland aus Wislikofen) Kreativität gefordert sein. Markus Utzinger hofft darauf, dass der allgemeine Swissness-Trend einen positiven Effekt auslösen könnte. Anlässe wie das Schwing- und Älplerfest oder das Jodelfest letztes Jahr in Brig lockten Tausende Menschen, darunter viele Junge, an.

Auch ein Blick in die Jodel-Agenda macht Hoffnung. Kommende Grossanlässe finden in der Region Nordwestschweiz statt: Nächstes Jahr in Mümliswil das Nordwestschweizerische Jodlerfest und 2020 wird Basel mit dem Eidgenössischen zur Hauptstadt des Jodels. Dem Jodelklub am Rhy dürfte dieses Timing nicht ungelegen kommen: In drei Jahren feiert der Verein sein hundertjähriges Bestehen. Mit einem grossen Fest und – so hofft Markus Utzinger – mit möglichst vielen Besuchern, wo sich der eine oder andere von der Faszination des Jodelns anstecken lässt.