Zum Gedenken

Dorfhistoriker Franz Laube: Von der Neugierde angetrieben

Je mehr Franz Laube über die Geschichte forschte, desto häufiger wurde er für Vorträge angefragt.

Je mehr Franz Laube über die Geschichte forschte, desto häufiger wurde er für Vorträge angefragt.

Franz Laube (1951–2017) hinterlässt eine grosse Lücke. Das umfassende Wissen und die geschichtliche Neugier des Lengnauer Dorfhistorikers haben ihn vorangetrieben und alle bereichert.

Er klappt ein abgegriffenes Protokollbuch der Schulpflege Lengnau auf und beginnt aus der alten Sütterlin-Schrift zu lesen, während er gleich noch die Übersetzung mitliefert: Da wird ein Ehepaar zu einer Nacht im Gäbeli (ehemaliges Zuchthäuschen der Gemeinde) verdonnert, weil es seine Kinder nicht zur Schule schickt.

«Das sollten sie wieder einführen, das würde der heutigen Gesellschaft gar nicht schaden», setzt er mit verschmitztem Lächeln hinzu. Franz Laube hat sich im Selbststudium beigebracht, diese mit Feder und Tinte geschwungene alte Schreibschrift zu entziffern – um sich sein Bild vergangener Zeiten zu machen. Er wollte wissen, wie sich das tatsächliche Leben zugetragen hat und sich nicht mit dem Hörensagen zufriedengeben.

Unzählige Bücher aus dem Kirchen- und Gemeindearchiv hat er durchstöbert und sich so seit Ende der 1970er-Jahre sein breites historisches Wissen angeeignet, das er gerne in vielen verschiedenen Publikationen und Vorträgen mit anderen teilte. Dabei war sein schulischer Weg alles andere als verheissungsvoll, wie er manchmal zu sagen pflegte, wenn er zu den Anfängen seines historischen Interesses befragt wurde. Er sei am ersten Schultag am Rockzipfel seiner Mutter hängen geblieben und fand, dass sein letzter Schultag ein ganz wunderbarer Tag war. Dennoch war es ein Geschichtslehrer der Bezirksschule Endingen, der ihn wohl auf den Geschmack gebracht haben soll.

Aufgrund seiner schnellen Auffassungsgabe empfahlen ihm seine Lehrer, in die Bildung einzusteigen. Franz Laube aber wählte stattdessen eine landwirtschaftliche Ausbildung. Er, der lieber mal seine Hausaufgaben absichtlich vergass und seine Freizeit genoss, sah sich eher als Praktiker. Was sich in der Folge auch bewähren sollte: Als erstgeborener Sohn einer zehnköpfigen Kinderschar übernahm er den Hof seiner Eltern in der Steig, baute diesen mithilfe seiner geliebten Frau Beatrice weiter aus und arbeitete in diversen Nebentätigkeiten bald mal als Gartenbauer, Elektriker, Hausbauer, Kompostpfleger und Begründer von Arbeitsgemeinschaften und vielem mehr. Nebst dem geselligen Zusammensein mit seiner Familie, die bald Zuwachs von einem Jungen und zwei Mädchen erhielt, blieb nach seinen Aussagen noch genügend Zeit, sich seinem Geschichtsinteresse zu widmen.

Seine erste Publikation verfasste Franz Laube 1982 als Mitglied der Schulpflege Lengnau. Als Aktuar hatte er Zugang zu alten Protokollen im Gemeindearchiv. Er erfuhr allerhand über das Schulwesen im 19. Jahrhundert und beschloss, eine Schulgeschichte zu schreiben, die er 1986 fertigstellte. Es sollte nicht seine letzte Schrift bleiben, hinzu kamen Veröffentlichungen über die Flurnamen (1990), den verschwundenen Hof Jetzen (1994), den Dorfbrand von Vogelsang (2000), Judenhäuser-Christenhäuser in Lengnau und Geschichte der Doppeltüren (2004), Auswanderung aus dem Bezirk Zurzach im 19. Jhd. (2009), die jüdische Auswanderung aus Endingen und Lengnau im 19. Jhd. (2009) und die Zollgeschichte des Bezirks Zurzach – eine kurze Übersicht (2015). Daneben hat er zahlreiche Chroniken und Jubiläumsschriften für die Gemeinde Lengnau, die Pfarrei Lengnau-Freienwil, das Dorfmuseum, Vereine, die Historische Gesellschaft Zurzach und viele andere erstellt.

Die jüdische Geschichte im Surbtal

Je mehr Franz Laube über die Geschichte von Lengnau im Rahmen seiner Nachforschungen erfuhr, desto häufiger wurde er für einen Vortrag angefragt. 1998, im Jubiläumsjahr 1200 Jahre Lengnau, organisierte die Volkshochschule eine Vortragsreihe, wo er erstmals über die jüdische Geschichte im Surbtal referierte. Am Anfang seiner historischen Tätigkeit war er noch der Meinung, dass dieses Themenfeld schon genügend erforscht wäre.

Er stellte aber bald einmal fest, dass vieles davon falsch oder ungenau dargestellt war. Daher begann er sich schon sehr früh mit der jüdischen Geschichte zu befassen. 2006 wurde er von der Gemeinde angefragt, beim Aufbau des jüdischen Kulturwegs Endingen–Lengnau mitzuwirken. Die feierliche Eröffnung durch alt Bundesrätin Ruth Dreifuss erfolgte im Mai 2009, danach wurde der Kulturweg stetig weiterentwickelt.

Das umfassende Wissen von Franz Laube und seine geschichtliche Neugier haben ihn vorangetrieben und alle bereichert. Das jüdische Kulturerbe im Surbtal wurde dank seinen unermüdlichen Erforschungen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Eine schwere Erkrankung hat ihn zusehends seiner Lebenskräfte beraubt und seinem Wirken und Sein viel zu früh ein Ende gesetzt. Ein feiner und bescheidener Mensch hinterlässt eine grosse Lücke.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1