Im März 2012 war der damalige Regierungsrat Peter C. Beyeler in Schneisingen zu Gast. Persönlich und in einer feierlichen Zeremonie gratulierte er dem Gemeinderat und der Bevölkerung der 1400-Einwohner-Gemeinde zum Label «Energiestadt». «Das Alpenrosendorf ist Energiestadt geworden», titelte die Aargauer Zeitung damals.

«Der Gemeinderat hat nicht im Sinn, sich auf den Lorbeeren auszuruhen», sagte die damalige Gemeinderätin und ressortverantwortliche Martina Mokni. Und Beyeler prophezeite: «Lebens- und Wohnqualität werden zunehmen. Eine Dynamik für innovative Produkte entsteht.»

Inzwischen hat der Wind gedreht. Geht es nach dem aktuellen Gemeinderat, soll Schneisingen aus dem Verein Energiestadt austreten und künftig auf das Label verzichten. An der Gemeindeversammlung Ende November wird über diesen Antrag abgestimmt. Vor einem Jahr hatten die Stimmbürger den Gemeinderat per Überweisungsauftrag dazu aufgefordert, den Nutzen des Labels zu überprüfen. Nachhaltigkeitsprojekte liessen sich auch ohne Zertifikat umsetzen, meint die Gemeinde. «Wir sind bei unserer Prüfung zum Schluss gekommen, dass wir das Geld, das wir Jahr für Jahr für die Mitgliedschaft beim Verein einzahlen, besser verwenden können. Und zwar, indem wir konkrete Massnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz einsetzen», sagte etwa Gemeindeammann Adrian Baumgartner. Die Mitgliedschaft im Verein Energiestadt kostet 2000 Franken pro Jahr.

Polemik ist nicht das Ziel

Doch dem Energielabel-Widerstand erwächst nun seinerseits Widerstand. Die ehemalige Gemeindepräsidentin Claudia Graf und Martina Mokni melden sich zu Wort (siehe Box). «Es wäre, als ob ein Sportler aus freien Stücken eine Medaille zurückgibt, weil er die Verbandsbeiträge nicht mehr entrichten möchte», sagt Graf.

Graf war von 2009 bis 2013 Ammann der Gemeinde. Also genau in jener Zeit, als die erstmalige Zertifizierung erfolgte. Sie wolle keine Polemik auslösen, sondern eine sachliche Diskussion anregen, sagt sie. «Bisher hat die Gemeinde dank einem grossen Einsatz der Energiekommission, aller Mitarbeitenden und des Gemeinderats das Label erhalten und ein erstes Re-Audit geschafft», hält Graf fest. Vieles wurde erreicht, zum Beispiel konnten dank dem Ersatz der Fenster der Schulanlage Aemmert die Heizkosten deutlich gesenkt werden.

«Die Gemeinde trägt das begehrte Label zu Recht und setzt damit auch im Zurzibiet ein deutliches Zeichen. Energiestadt sein bedeutet, dass man sich der Verantwortung gegenüber der Welt, die wir unseren Kindern und Enkeln hinterlassen, bewusst ist und die Dinge nicht dem Zufall überlässt», sagt Graf. Und es bedeute auch, dass man seine Steuergelder mit Bedacht und System einsetzt, damit die kostbaren Ressourcen noch lange vorhanden sind. Kurzum könne der Nutzen wie folgt zusammengefasst werden: Image, Bekanntheitsgrad, Leistungsausweis, Geisteshaltung und Effizienz.

Die Zukunftskonferenz 2010 mit der Bevölkerung Schneisingens habe gezeigt, dass die Umwelt, eine intakte Natur und die natürlichen Ressourcen ganz oben auf der Prioritätenliste stehen. Das daraufhin erstellte, immer noch gültige Leitbild der Gemeinde hält unter «bleibende Werte» unmissverständlich fest, dass sich die Gemeinde als Energiestadt zu einem sorgsamen Umgang mit den Ressourcen und zu einer schrittweisen, messbaren Erhöhung der Energieeffizienz verpflichtet.

Zu den Kosten sagt Claudia Graf: «Die Mitgliedschaft beim Verein Energiestadt samt der alle vier Jahre fälligen Re-Zertifizierung belaufen sich auf rund 2000 Franken pro Jahr. Eine bescheidene Summe, vor allem, wenn sie es ermöglicht, dank cleverem Management Kosten im grösseren Stil einzusparen und gleichzeitig die Ressourcen zu schonen.»

Ziele aus den Augen verlieren

Wird die Gemeinde weniger lebenswert und natürlich, wenn sie das Label zurückgibt und die Tafeln wieder abschraubt? «Selbstverständlich nicht», sagt Graf. «Die Gemeinde bleibt ein wunderschönes, liebenswertes Dorf mit vielen engagierten Menschen.» Was sich hingegen ändern könnte, ist der Stellenwert, der Energieanliegen auf Gemeindeebene beigemessen wird. «Schneisingen hat sich das Energiestadtlabel hart erarbeitet und darf stolz darauf sein. Jetzt freiwillig darauf zu verzichten, wäre sehr schade.»

Auch wenn der Gemeinderat beteuert, «der Nachhaltigkeit dient es mehr, wenn wir das Geld für Projekte verwenden statt für ein Label», teilt Graf die Befürchtung des Trägervereins Energiestadt. «Es besteht die Gefahr, dass Gemeinden nach einem Austritt aus unserem Verein die Ziele aus den Augen verlieren.»