Endingen und Lengnau

Doppeltür: Wie das Zusammenleben von Juden und Christen glückte – und was wir heute daraus lernen können

In Endingen und Lengnau sind noch heute zahlreiche Doppeltüren zu finden.

In Endingen und Lengnau sind noch heute zahlreiche Doppeltüren zu finden.

Gastbeitrag: Der 79-jährige Publizist Roy Oppenheim ist Initiator des Projekts Doppeltür und Mitglied des Vereinsvorstands.

Zwei Berichte in der AZ lassen aufhorchen: jener über die Kontroverse über die christlich-jüdischen Doppeltürhäuser im Surbtal und die Reportage über den Umgang mit Jenischen, Sinti und Roma im Berner Dorf Wileroltigen. In Endingen und Lengnau sollen die Vorstellungen über die Entstehung der seit dem 17. Jahrhundert bestehenden Häuser mit zwei Eingängen nach neuesten Forschungen mehr Mythos als Tatsache sein. So die Aussagen der Kunsthistorikerin Edith Hunziker. Und im Bernischen 370-Einwohner-Dorf Wileroltigen wehrt sich ein Teil der Bevölkerung massiv gegen einen geplanten Transitplatz an der Autobahn Bern–Murten: Ein 2 Meter hoher Zaun soll die örtliche Bevölkerung vor den Fremden, den durchreisenden Sinti, Jenischen und Roma, schützen. Was haben beide Fälle miteinander zu tun?

Im 17. Jahrhundert ging es um «fremde Fötsel», um Juden, die man schon seit dem Mittelalter aus unseren Dörfern und Städten verbannen wollte. Damals errichtete man sogar Gettos: Man wies den Juden durch den Bau einer «Judengasse» mit einem Judentor einen besonderen, meist eher schäbigen Dorf- oder Stadtteil als Lebensraum zu. Mit dem Ziel, die Juden auf Distanz zu halten. An solch vergangene Tage werden wir erinnert, wenn man von der Umzäunung des Transitplatzes für Fahrende im Kanton Bern hört.

Keine Abschottung der Juden im Surbtal

Wie es anders gehen kann, beweisen die «Judendörfer» Endingen und Lengnau, wo zurzeit das Zukunftsprojekt Doppeltür entsteht. Entgegen der allgemeinen Tendenz gab es in diesen Dörfern weder Judengasse noch Zäune zur Abschottung. Die Juden durften ihre Synagogen im Dorfkern erstellen, eigene Schulhäuser, Gaststätten, Badehäuser und ein Schlachthaus bauen. Nur einmal, im Jahr 1802, fand der Versuch statt, die Juden zu vertreiben. Zwei mutige Pfarrherren verhinderten im letzten Moment ein Pogrom. Im Übrigen lebten die Menschen friedlich neben-, oft gar miteinander. Ein besonderes Merkmal der beiden «Judendörfer» Endingen und Lengnau sind Dutzende von Häusern mit zwei aneinander liegenden, separaten, identischen Eingängen. Noch heute können wir solche «Doppeltürhäuser», wie sie im Volksmund heissen, besichtigen. Das ist keine Legende und kein Mythos, sondern sichtbare Realität.

Schon im 19. Jahrhundert befragte man die christlichen und jüdischen Ortsbürger in den beiden Dörfern, wie diese besonderen Doppeltürhäuser entstanden seien. Ich selbst führte in den 60er- und 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts noch Gespräche mit Ortsbürgerinnen und Ortsbürgern in Endingen und Lengnau. Auch die bekannte Historikerin Florence Guggenheim-Grünberg schon um 1930, der Historiker Franz Laube sowie der bekannte Arzt und Historiker Karl Weibel aus Endingen führten Mitte des 20. Jahrhunderts Untersuchungen vor Ort durch. Alle kamen zum gleichen Ergebnis: Die Doppeltürhäuser waren Ausdruck gelebter Lebenswirklichkeit und keine Erfindung oder Mythen.

Zu den historischen Hintergründen: Nachgewiesen ist, dass sich erste jüdische Familien um 1630, während des Dreissigjährigen Krieges, in Endingen niederliessen. Ab 1639 mussten die Juden alle 16 Jahre einen neuen Schutzbrief erwerben. Um 1750 beschloss die Tagsatzung von Baden mit Unterstützung des Landvogtes zu Baden, die Juden der Alten Eidgenossenschaft in Endingen und Lengnau – in der Mitte zwischen Zurzach (Messeort) und Baden (Badeort) – anzusiedeln, weil man die Juden bezichtigte, den Dreissigjährigen Krieg ausgelöst zu haben. Am 5. August 1776 wurde das Judenmandat abgefasst. Darin wurde festgehalten, dass trotz der neu zugewanderten Juden die Häuser nicht erweitert und deren Zahl nicht erhöht werden dürfe. Zudem wurde im Schirmbrief vorge- schrieben, dass «Juden und Christen nicht unter einem Dach» zu wohnen haben. Allerdings wurde die «Konvivenz», das Zusammenleben im gleichen Haus, im Schirmbrief von 1792 mit Einwilligung des Landvogteiamtes gestattet.

Doppeltür: Pragmatische Lösung für die Platznot

Dennoch waren die generellen Restriktionen gravierend, auch im neuen «Judengesetz» von 1809: Juden durften weder Land noch Häuser besitzen oder eigene Häuser bauen; weder als Handwerker noch als Knechte und Bauern tätig werden. Die christliche Bevölkerung der beiden Surbtaler Dörfern musste mit dieser Bürde fertig werden – damals gab es noch keine demokratisch legitimierten Befragungen und Abstimmungen. Pragmatische Lösungen waren gefragt. Fast die Hälfte der Einwohner war bald jüdisch. Wie und wo sollten sie wohnen?

Das Erstaunliche: Im Unterschied zu anderen Orten und Ländern wurden im Surbtal keine «Judengassen» mit Zäunen und Toren errichtet. Man suchte innovativ einen anderen Weg, um die Zugezogenen unterzubringen: Die einheimische Bevölkerung gestattete den Juden, sich in ihren Häusern einzumieten. Damals war es unmöglich, sich ein Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Konfession oder Religion im gleichen Haus vorzustellen. Die einzige Lösung: Die (christlichen) Hausbesitzer bauten ihre Häuser um oder erweiterten sie im Laufe der Jahrzehnte. Daraus sind Wohnungen für Christen und Wohnungen für Juden entstanden, Doppeltürhäuser eben, Seite an Seite, jede Familie mit einer geschützten Privatsphäre.

Da wir bis heute nur Angaben über die Besitz-, nicht aber über die Mietverhältnisse haben, sind kaum Informationen über die Religionszugehörigkeit der Mieter und Mieterinnen zu finden. Die beiden Historikerinnen Alexandra Binnenkade und Edith Hunziker leiten ihre provokativen Thesen zu den Doppeltürhäusern aus Angaben über die Hausbesitzer, nicht aber aus Zahlen über die Mieter ab. Die meisten jüdischen Bewohner waren schon aus rechtlichen und finanziellen Gründen in der Frühzeit nicht in der Lage, einen eigenen Hausteil zu erwerben. Sie konnten nur eine Wohnung mieten. Dies änderte sich erst in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts, als sich ab 1866 langsam die Emanzipation abzeichnete. Doppeltürhäuser ergaben somit durchaus Sinn. Wer die zahlreichen Untersuchungen, etwa jene von Florence Guggenheim-Grünberg, Augusta Weldler-Steinberg, Ralph Weingarten, Karl Weibel, Franz Laube oder Jacques Picard sorgfältig analysiert, kommt zum eindeutigen Schluss: Die Konvivenz, das jüdisch-christliche Miteinander, war keine Legende oder Mythos, sondern Tatsache.

Ohne Zweifel sind Doppeltürhäuser, bewohnt von Christen und Juden, in der jüdisch-christlichen Geschichte im Surbtal einzigartig. Sie sind ein positives Beispiel geglückter Segregation und eine pragmatische Lösung in einer schwierigen Zeit. Die Doppeltüren sind zu einer Metapher für das erfolgreiche Miteinander verschiedener Ethnien und Religionen geworden und beeindrucken Menschen weit über die Grenzen unseres Landes hinaus. Es wäre angebracht, die positiven Aspekte dieser Geschichte in den Vordergrund zu stellen, in einer Zeit, in der wir immer wieder schmerzlich an die tragischen Aspekte der jüdisch-christlichen Symbiose in der europäischen Geschichte erinnert werden. Machen wir dieses Kapitel nicht schlechter, als es war. Das entstehende Vermittlungsprojekt «Doppeltür» lebt, hat Zukunft und könnte auch dem Bürgerkomitee von Wileroltigen helfen, für die Jenischen und Sinti eine menschliche Lösung zu finden, die von Toleranz und Respekt getragen wird und auf Ausgrenzung verzichtet.

Auch Legenden können die Welt verändern

Hinterfragen wir zum Schluss die These der Legende. Jeder weiss, dass auch Legenden und Mythen zu einem Teil der Wirklichkeit werden können und oft die Welt verändert haben. Ich erinnere mich an Prof. Marcel Beck, Ordinarius für mittelalterliche Geschichte an der Universität Zürich. Er rüttelte an den zwei stabilsten Stützen des schweizerischen Staatsgedankens, als er – «wissenschaftlich untermauert» – darlegte, dass der historische Rütli-Schwur der schweizerischen Urkantone am Urner See im Jahre 1291 keineswegs die Gründung der Eidgenossenschaft belege und der legendäre Freiheitskämpfer Wilhelm Tell mit Sicherheit nie gelebt habe. Auch Friedrich Schiller, dem wir die das Drama von Wilhelm Tell verdanken, hat nie die Schweiz besucht und vor Ort Geschichtsforschung betrieben. Dennoch prägt er das helvetische Selbstverständnis bis heute nachhaltig.

*Gastbeitrag Der 79-jährige Publizist Roy Oppenheim ist Initiator des Projekts Doppeltür und Mitglied des Vereinsvorstands.

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