«Äbe ä Jud», sei er gewesen, der Vater von Jules Bloch – das sagt zumindest ein Berner Bauer auf dem Viehmarkt in Frutigen über den längst verstorbenen Viehhändler. Was das heisst, weiss der Bauer aber nicht recht, also blickt er fragend zu Bloch junior: «Isch dr Gloube eigentlich angerscht?» – «Heja, die si scho rächt!», bekräftigt er dann.

Es ist nur eine kleine Szene im DOK-Film «Von Viehhändlern, koscherer Küche und Ehevermittlung» des Schweizer Fernsehens SRF. Doch zeigt sie exemplarisch, wie auch heute noch Vorurteile gegenüber der jüdischen Bevölkerung bestehen, wenn auch längst nicht mehr so ausgeprägt wie in vergangenen Jahrhunderten. Der Film wird am Donnerstagabend erstmals ausgestrahlt.

Trailer SRF DOK-Film «Von Viehhändlern, koscherer Küche und Ehevermittlung»

Der Trailer zum SRF DOK-Film «Von Viehhändlern, koscherer Küche und Ehevermittlung» Donnerstag, 20.05 Uhr, SRF 1.

Besuch in den «Judendörfern»

Wer wie Filmproduzentin Nathalie Rufer etwas über die Geschichte der Juden in der Schweiz wissen will, kommt um einen Besuch im Zurzibieter Surbtal nicht herum. Dort liegen die «Judendörfer» Endingen und Lengnau, die einzigen Orte in der Schweiz, wo sich Ende des 18. Jahrhunderts Juden überhaupt niederlassen durften. Dort lebten die Juden Seite an Seite mit den Christen – mal miteinander, mal nebeneinander.

Eine Koexistenz, die nicht immer einfach war: Im Film zeigen kurze, gespielte Sequenzen mit Darstellern in historischen Kostümen, mit welchen kulturellen Besonderheiten – um nicht zu sagen: Problemen – die Surbtaler Bevölkerung damals konfrontiert war.

Heute wohnen zwar nur noch wenige Juden in Lengnau und Endingen, doch ist der Einfluss immer noch sicht- und spürbar – deutlich beim Anblick der beiden Synagogen, etwas subtiler im «Surbtaler Jiddisch», das im Film zur Sprache kommt.

Auf ihrer Spurensuche besucht Moderatorin Kathrin Winzenried bekannte Surbtaler Juden wie Publizist Roy Oppenheim oder Jules Bloch. Letzterer ist Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Endingen, Sohn einer Viehhändlerfamilie und heute, als pensionierter Banker, selber wieder Hobby-Viehhändler.

Die Zuschauer werden mitgenommen in die Küche des israelitischen Altersheims, wo mit Argusaugen über die koschere Zubereitung der Mahlzeiten gewacht wird. Oder in das Wohnzimmer der Familie Krammer, wo am Esstisch mit viel Humor über «vermittelte» Ehen erzählt wird.

Das Surbtal von oben

Dem SRF-Team ist ein lehrreicher, berührender Dokumentarfilm gelungen, in dem man vielen bekannten Figuren und Schauplätzen aus dem Surbtal begegnet. Er ist aber bei Weitem nicht nur für Zurzibieter sehenswert, im Gegenteil. Die Luftaufnahmen zeigen die Gegend aus einem ganz ungewohnten Blickwinkel und lassen auch Einheimische staunen ob der Idylle mit grünen Wiesen und Nebelfetzen.

«Wir haben zwischen Juni und Dezember 2014 gedreht», sagt Produzentin Nathalie Rufer. Die Aufnahmen im Surbtal hätten insgesamt eine gute Woche gedauert; allein eineinhalb Tage hätten die gespielten historischen Szenen in Anspruch genommen, die Heli-Aufnahmen einen weiteren Tag.

Letztere hat übrigens ein Aargauer gemacht – Kameramann Ueli Haberstich. «Für die Spielszenen waren wir zum Teil auf die Mithilfe der Endinger angewiesen», erzählt Rufer. «Diese wurde uns grosszügig gewährt, vor allem auch von der jüdischen Gemeinde. Die Synagoge zum Beispiel durften wir als Garderobe und Schminkraum für die Schauspieler nutzen.»

Juden und ihre Geschichte haben die Produzentin schon lange interessiert. «Die Tatsache, dass sich die Geschichte der Schweizer Juden während langer Zeit in nur gerade zwei kleinen Dörfern konzentriert hat, schien mir – neben der historischen Dimension – eine glänzende Ausgangslage für einen Film», sagt sie. «Mit Roy Oppenheim fand ich einen hervorragenden ersten Ansprechpartner, der nicht nur sehr viel über die Thematik weiss, sondern auch bestrebt ist, die jüdische Vergangenheit von Lengnau und Endingen nicht nur zu bewahren, sondern sogar neu zu beleben.»

Das Surbtal sei ihr vorher «gänzlich unbekannt» gewesen, obwohl sie einen Teil ihrer Jugend im Aargau verbracht habe. «Dank der Dreharbeiten habe ich einen weiteren schönen Flecken Schweiz entdeckt und erfahren, dass die Gegend nicht nur landschaftlich viel zu bieten hat, sondern dass dort auch hervorragender Wein produziert wird – vielleicht bald sogar koscherer.»

Wer noch erfahren möchte, dem sei der jüdische Kulturweg empfohlen:
info@juedischerkulturweg.ch,
Tel. 056 266 50 10