Porträt

Döttinger CVP-Grossrat Leo Erne: «Die Politik wurde mir in die Wiege gelegt»

Pensionär mit allen Freiheiten und ohne Mandat: Leo Erne – im Hintergrund seine Wirkenskreise. Sandra Ardizzone

Pensionär mit allen Freiheiten und ohne Mandat: Leo Erne – im Hintergrund seine Wirkenskreise. Sandra Ardizzone

Leo Erne hat als CVP-Grossrat und OK-Präsident der Gippinger Radsporttagevieles angestossen und auch erfolgreich zu Ende gebracht.

Draussen am Hang vor dem Fenster, das die ganze Breite der Stube einnimmt, hangen die welken Blätter an den Rebstöcken. Auch im Sänneloch in Döttingen, am Fuss des Achenbergs ist der Wümmet längst vorüber, die Ernte ist eingebracht. Die Metapher drängt sich auf: Leo Erne, die Ernte eingebracht? Im Mai nächsten Jahres wird er 75. «Ich bin Pensionär mit allen Freiheiten, ohne Mandate, ohne Ämter.» Ja, insofern ist die Ernte eingebracht, doch von Müdigkeit ist nichts zu spüren.

Auch ohne Ämter, ein politischer Mensch sei er geblieben, sagt Erne. Hoch interessiert, was in der Welt, vor allem im Zurzibiet und in seinen Gemeinden passiert. Die Diagnose, die er der Randregion ausstellt, bereitet ihm Sorge. «Die Region droht wirtschaftlich und kulturell zu verarmen», sagt Leo Erne. Was ihm besonders leidtäte, wenn die Scheinwerfer im Laxdal-Theater in Kaiserstuhl für immer erlöschen würden.

Vision Zurzibiet im Dornröschenschlaf

Das Zurzibiet verfügt über ein vielfältiges touristisches Angebot: Wassersport und Schifffahrt auf Rhein, Kultur in der Propstei Wislikofen, Rad- und Wanderwege in reizvoller Landschaft, der jüdische Kulturweg zwischen Endingen und Lengnau, der Kur- und Badeort Zurzach.

Es gibt Anstrengungen, diese national bekannter zu machen, damit das Zurzibiet als Wohn- und Arbeitsort wieder attraktiver wird. Doch irgendwie fehle der Zusammenhalt, die Solidarität, die es für grosse visionäre Würfe bräuchte, sagt Erne. «Die Gemeinden sind wie die Menschen zuerst mit sich selber beschäftigt.»

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Leo Erne ist in Hettenschwil aufgewachsen, erst im Schulhaus, später im Haus am Dorfrand. Der Vater war Lehrer. «Die Politik wurde mir in die Wiege gelegt», sagt Erne. Im Lehrerseminar gehörte er dem kantonalen Jugendparlament an, notabene als Vertreter der Europapartei. Als Mitglied der CVP-Fraktion politisierte er 1989 bis 2005 im Grossen Rat. Es sind viele Vorstösse und Postulate, die seine Handschrift tragen, vor allem im Bereich der Bildung und der Berufsbildung.

Musik und Theater, Natur und Bike

Leo Erne hat vieles angestossen und erfolgreich zu Ende gebracht. Er hat nur die Fakten und Daten aufgelistet, in Stichworten, und trotzdem kommen vier A4-Seiten zusammen: Ok Winzerumzug, OK Schweizer Meisterschaft OL in Baden, OK Jugend- und Dorffeste, Bundesfeier-Ansprachen, Reden und Moderationen von meist politischen Podiumsdiskussionen, usw. usf.

Ein Jahrzehnt lang war er Stiftungsrats-Präsident des Arbeitszentrums für Menschen mit Behinderung in Kleindöttingen. Unter «weiteren ausgeprägten Interessen» zählt Erne Haus, Garten, Natur, Heimatkunde, Pilze sammeln, Musik und Theater auf. Unter anderem. Nach Möglichkeit täglich ist er zu Fuss oder mit dem Bike unterwegs.

Leidenschaftlicher Grossvater ist er auch, nämlich der vier Kinder seiner Tochter Regula und seines Sohnes Lukas. Und dennoch, Leo Erne scheint immer Zeit zu haben, in hektischer Betriebsamkeit sah und sieht man ihn nie.

Nach seiner beruflichen Tätigkeit als Lehrer, Redaktor des Badener Tagblatts und Berufsberater in Zurzach war Erne von 1983 bis 2006 Kommunikationschef am Kernkraftwerk Leibstadt. Opposition gegen die Kernenergie habe es damals auch im Zurzibiet gegeben, sagt Erne.

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Er erwähnt SP-Grossrat Franz Schmidbauer und Bezirksschullehrer Karl Riwar. «Man kannte sich und begegnete sich mit Respekt, Gehässigkeiten blieben aus.» Offen sein und Einwände ernst nehmen, sei sein Credo gewesen.

Und dann ist da noch das Wirken Leo Ernes für den Radsport. «In meiner Jugendzeit gab es kein Karate, kein Judo, ein bisschen Fussball, aber es gab Radrennen», sagt Erne. Mit dem Vater habe er sie besucht, vor allem die Stauseerundfahrt, die durch die Gemeinde führte.

Der Einstieg in den Radsport erfolgte als Medienchef noch unter dem legendären TdS-Chef Sepp Voegeli. Später war Erne während vieler Jahre der umsichtige OK-Chef und mithin auch für die Verpflichtung der Profi-Radrennfahrer zuständig. Die Rundfahrten, wie sie damals noch landauf, landab die Massen begeisterten, die Züri-Metzgete oder die Vier-Kantone-Rundfahrt etwa und besagte Stausee-Rundfahrt gibt es nicht mehr.

Der GP Gippingen ist als einziger geblieben. Warum? «Der Zusammenhalt ist stark, man muss um Helfer nicht bangen, und sie kommen nicht nur aus der Region, sondern aus der halben Schweiz», sagt Erne. Der Veloclub und das OK hätten immer professionelle Arbeit geleistet, ehrenamtlich.

Das Gespräch hat sich in die Länge gezogen, Ernes Frau Brigitte ist ungeduldig geworden. Es sei Zeit für den Zobig. Man könne ja auch bei einem Glas Wein aus dem Sänneloch weiterreden.

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