Bad Zurzach

Dieser Sammler liebt Bad Zurzach wie kaum ein anderer

Georg Edelmann aus Bad Zurzach sammelt leidenschaftlich alles, was mit «Zurzi» zu tun hat – vor allem Postkarten.

Wenn jemand tiefe Leidenschaft für etwas verspürt, sprüht diese unausweichlich auf das Gegenüber. Die Augen leuchten auf, die Sprache wird präsenter, die Begeisterung wird greifbar. Georg Edelmann ist von Herzen gern Zurzibieter, engagiert sich nebst seiner Arbeit als Verwalter von Immobilien der Region bei etlichen Dingen, etwa bei der Stiftung Gesundheitsförderung, bei der Historischen Vereinigung des Bezirks Zurzach und früher auch im Gemeinderat oder der Kirchenpflege St. Verena.

Als vernarrter Zurzacher sammelt er alles, was mit seiner Gemeinde zu tun hat. Zum Beispiel Lieder, Gedichte und Geschichten die von Bad Zurzach handeln oder den Flecken als Schauplatz haben, Wappen lokaler Geschlechter, alte Zeichnungen und Stiche sowie Landkarten, darunter seine Schulkarte sowie diejenige seines Vaters und seines Sohnes. «Da sieht man schön die verschiedenen Generationen», sagt er. Auf einer Landkarte sind die Wasserquellen der Region eingezeichnet. Bei der wohl ältesten Karte, die er besitzt, ist die Jahreszahl nicht ersichtlich. «Aber sehen Sie, die Brücke nach Deutschland war da noch nicht gebaut und auch die Bahnlinie entlang dem Rhein nicht. Sie muss also vor 1876 gedruckt worden sein.»

Georg Edelmann weiss über seine Region Bescheid wie kaum ein anderer. In der Vergangenheit durchlief er die Gegend sogar mit einem Metalldetektor und grub mit einer Gruppe alte Hufeisen, Nägel, Patronenhülsen oder drei römische Münzen aus der Erde und übergab die Fundstücke der Kantonsarchäologie. «Zurzach hat eine absolut spannende Geschichte», sagt er und schildert etwa den Weg der Römer vom Atlantik über Bad Zurzach bis zum Schwarzen Meer, heute eine beliebte Veloroute. Er erzählt begeistert und unaufhaltsam.

Postkarte seines Vaters entdeckt

Seine eindrücklichste Sammlung ist diejenige von Ansichtskarten mit Motiven aus Bad Zurzach. 871 verschiedene Karten hat er in den letzten zehn Jahren gemeinsam mit seinem Bruder Beat gesammelt. Zählt man diejenigen hinzu, die er doppelt hat, sind es an die 1000 Karten. Die Älteste wurde gemäss Poststempel im Jahr 1897 von Zurzach nach Zürich verschickt.

Georg Edelmann kaufte sie übers Internet: Jede Woche erhält er Mails von den Auktionswebseiten E-Bay, Ricardo und Delcampe mit den neuesten Angeboten an Postkarten aus Bad Zurzach. So fand er vor zwei Jahren per Zufall drei Karten, die seine Familie in den 50er-Jahren in die USA verschickt hatte. Dabei hätte er den für ihn so bedeutenden Fund fast übersehen: «Die drei Kartenmotive hatte ich eigentlich schon. Kurz vor dem Weiterklicken warf ich aber noch einen Blick auf die Rückseite der Postkarten – und erkannte die Schrift meines Vaters.»

Am 4. Mai 1953 hatten Georg Edelmanns Eltern in Zurzach geheiratet und am selben Tag fand sein Vater Walter Zeit, um seinem Schwager in den USA per Postkarte für die Glückwünsche zu danken. Vier Jahre später war es sein Schwager selber, der eine Karte mit einem Foto vom damals frisch eröffneten Thermalbad an einen Freund in Kalifornien schickte. Walter Edelmann war denn auch an der Bohrung der Thermalquelle 1955 beteiligt gewesen, dank der Zurzach überhaupt zum Kurort wurde. 1961 schrieb wieder Georgs Vater seiner Familie in den USA und berichtete von der unerwarteten Geburt seiner Zwillingskinder mit dem humorvollen Spruch: «Zwei hatte ich nicht bestellt.»

Mit leicht zittrigen Händen habe er sofort ein Angebot für die drei Postkarten abgegeben. Nach ein paar Tagen bangen Wartens kam dann die Zusage: Mit seinem Angebot hatte er die Karten ersteigert, für zehn Franken plus Porto. Verkauft hatte sie ein Sammler aus Lufingen ZH. Die Postkarten waren in den 60er-Jahren gemeinsam mit Georgs Tante und Onkel von den USA in die Schweiz gezügelt. Nach dem Ableben der beiden kamen sie via Hausrat nach Lufingen und nun dank Internetversteigerung zurück zur Familie Edelmann. «Es ist eine Geschichte, die nur das Leben schreiben kann», sagt Georg Edelmann.

Auf ähnliche Weise stiess er Ende 2017 auf einen Brief aus dem Jahr 1940, den sein Grossvater August Edelmann als Postangestellter zurück zum Absender schicken musste. Mit einem Bleistift hatte er auf dem Couvert drei Vorschläge notiert, wie die korrekte Anschrift der gesuchten Person lauten könnte. Auch da erkannte Georg Edelmann die Handschrift seines Grossvaters. Diesmal war die Postsendung bei einem Verkäufer in Bern gelandet.

Alte Sujets und Zukunftsvisionen

Unter seinen 871 Karten gibt es etliche historisch wertvolle Schwarz-Weiss-Fotos. Besonders eindrücklich sind die weit über 100-jährigen Karten, die man nur auf der Vorderseite – also, auf einer kleinen Fläche neben dem Bild – beschriften durfte. Damals war die ganze Rückseite für die Adresse vorgesehen. Bei den farbigen Sujets findet man solche mit ausgefallenen Ideen wie etwa eine Karte aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, auf der das «Zurzach in der Zukunft» zu sehen ist, mit einer hölzernen Stadtbahn, altertümlichen Autos und Motorrädern, im Himmel darüber ein Ballon, etliche Flugzeuge und Zeppeline.

Auf einer von Georg Edelmanns Lieblingskarten prangt wieder ein Zeppelin, aus dem originell ein Leporello mit alten Fotos von Zurzach springt. Für ihre Sammlung zählen Georg und Beat Edelmann vor allem auf die Angebote aus dem Internet. Hie und da schaue er noch am Kiosk vorbei, nur würden heute kaum noch neue Postkarten gedruckt. Kürzlich hat er so drei neue, moderne Karten gekauft. Als er sie in seiner Sammlung einordnen will, merkt er: «Ah, tatsächlich, das eine Motiv hatte ich bereits.»

Fürs Stöbern in Brockenhäusern und dergleichen finde er heute keine Zeit. «Das mache ich vielleicht, wenn ich mal pensioniert bin.» Dann gibt er mit seinem Bruder womöglich auch ein Bildband mit den Postkartensujets heraus, so wie sein Vater 1983 das Fotobuch «Bilder aus Zurzach im Wandel» herausgebracht hatte. «Der Apfel fällt bekanntlich nicht weit vom Stamm», sagt er und gibt zum Schluss noch Einblick in ein weiteres seiner Hobbys: die Ahnenforschung. In seinem Büro breitet er eine eindrücklich lange, weisse Rolle aus, auf der seine Vorfahren aus dem Raum St. Gallen bis ins 14. Jahrhundert zurückzuverfolgen sind. Sein Grossvater wurde schliesslich von der Post nach Zurzach versetzt und verliebte sich in eine Zurzibieterin. Und diese Liebe für die Region, die lebt weiterhin.

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