Siglistorf

Dieser Mann diente der Gemeinde 24 Jahre lang als Weibel

Hans Kehrer gibt Ende Jahr den Job als Gemeindeweibel auf. Zu seinen Aufgaben gehörte es, die Siglistorfer Eingangstafeln zu betreuen. Die Gemeindeversammlung findet erst am Freitag, 28. November, statt. Angelo Zambelli

Hans Kehrer gibt Ende Jahr den Job als Gemeindeweibel auf. Zu seinen Aufgaben gehörte es, die Siglistorfer Eingangstafeln zu betreuen. Die Gemeindeversammlung findet erst am Freitag, 28. November, statt. Angelo Zambelli

Hans Kehrer war in den letzten 24 Jahren als Weibel von Siglistorf tätig und hat in dieser Zeit Hunderte von Kilo Unterlagen verpackt und er das Dorf mit seinen Bewohnern bestens kennengelernt.

Rasch ein E-Mail, noch rascher ein SMS – die elektronische Kommunikation hat uns fest im Griff. Die Pöstler sind trotzdem nicht arbeitslos. Sie bringen nach wie vor Rechnungen, Bettelbriefe und dazwischen erbaulicherweise auch die eine und andere Glückwunschkarte.

Nebst dem gelben Riesen gibt es Gemeinden, die sich einen ureigenen Briefträger oder eine Briefträgerin leisten. Siglistorf ist ein solcher Ort und Hans Kehrer der Mann, der dort diesen Dienst versieht. Bald heisst es, versehen hat, denn auf Ende Jahr tritt der 72-Jährige als Amtsdiener zurück.

24 Jahre lang hat er dafür gesorgt, dass Abstimmungsvorlagen und Einladungen zur Gemeindeversammlung pünktlich in allen Briefkästen lagen. «Ich habe den Bewohnern auch die schriftliche Mitteilung über jeden Todesfall in der Gemeinde zugestellt. Als letztes Jahr das grosse Dorffest anstand, kam zusätzliches Informationsmaterial hinzu.»

Kehrer strahlt mit seiner stattlichen Postur und dem Bart Ruhe aus, doch gleichzeitig sieht man: Der Mann kann zupacken. Nicht nur das - er kann auch backen. Die selbst gebackene Apfelwähe, die er auftischt, schmeckt vorzüglich. Ist der Weibel auch Hobbykoch? «Nein, aber Selbstversorger. Wenn meine Frau Monika mal nicht da ist, muss ich nicht verhungern.»

Das Dorf kennen lernen

Als Bauernsohn im zürcherischen Oberhasli aufgewachsen, hat er als Postautochauffeur, Stapelfahrer und auch im Versuchs-Obstgarten der Firma Maag – «die mit den Schneckenkörnern» – gearbeitet. 1984 war er aus Adlikon nach Siglistorf gezogen, hat im Oberdorf ein 200 Jahre altes Bauernhaus gekauft.

«Der Filmer Markus Imhof hatte darin gewohnt und nach der Scheidung noch dessen Frau.» Inzwischen hat der dreifache Vater und Opa die Scheune zu einem gemütlichen Zweifamilienhaus ausgebaut und hat riesig den Plausch an der 6-jährigen Tamara und der 4-jährigen Nora, die mit seiner Tochter und deren Mann im Obergeschoss leben.

Hat Kehrer den Umzug vom Kanton Zürich in den Aargau nie bereut? «Nein. Hier wie dort lebt man und zahlt Steuern», meint er verschmitzt. Allerdings habe er zunächst kaum Gelegenheit gehabt, Siglistorf und seine Bewohner näher kennen zu lernen: «Als Chauffeur hatte ich Schichtbetrieb, ging morgens um vier oder fünf Uhr aus dem Haus und musste abends früh in die Federn.» Das war denn auch der Grund, warum er Ja sagte, als ihn ein Nachbar fragte, ob er nicht das Amt des Weibels übernehmen wolle.

Fünf Stunden und 15 Kilometer

Nun war er also 24 Jahre lang nicht nur Gemeinde-Briefträger, sondern auch Verpacker: «Wenn das Material für drei oder vier Abstimmungsvorlagen in die Couverts gesteckt werden muss, so ist das nicht nur eine ordentliche Arbeitsfläche und Konzentration. Es ist auch ein stattlicher Zeitaufwand.» Seien es zu Beginn noch gegen 220 Couverts gewesen, sind es heute über 500, «Da habe ich jeweils schon vier bis fünf Stunden gebraucht.»

Das Dorf und seine Bewohner habe er als Weibel aber rasch näher kennen gelernt. «Obwohl ich ja nicht die Zeit hatte, an jeder Hausecke eine Viertelstunde zu plaudern, so habe ich doch mit dem Einen oder Andern gschpröchlet.» Viele Jahre lang habe er den grössten Teil der Post zu Fuss verteilt, «ausser jene für die Siedlerhöfe.»

Seit sein Rücken ihm grosse Probleme macht, fährt er die Routen mit dem Auto ab. «Es kommen immerhin etwa 15 Kilometer zusammen und zu verteilen sind alleweil rund 100 Kilo. Ach ja – als ich das Amt übernahm, war ich als Postautochauffeur tätig und da hat mir mein oberster Chef eine Original-Briefträgertasche geschenkt. Die habe ich heute noch», strahlt Kehrer.

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