Peter Hirt ist der dienstälteste Gemeindeammann im Zurzibiet. Seit 2002 übt er das Amt aus. Doch auch nach 17 Jahren ist Hirt vor unliebsamen Überraschungen und Premieren nicht gefeit: Die ausserordentliche Gemeindeversammlung am vergangenen Mittwoch war die erste in seiner langjährigen Karriere. Nötig wurde sie, weil die Stimmbürger im November 2018 das Budget 2019 mit einem Steuerfuss von 115 Prozent zurückgewiesen hatten. Dass sie im zweiten Anlauf schliesslich Ja sagten, war für Hirt und seine Ratskollegen eine grosse Erleichterung. Am 16. Tag des neuen Jahres hatte die Gemeinde im unteren Aaretal endlich ein neues Budget mit einem unveränderten Steuerfuss von 110 Prozent.

Die Döttinger Budget-Debatte, die es in die nationalen Schlagzeilen schaffte, brachte am Ende zweieinhalb Sieger hervor: den Gemeinderat um Ammann Peter Hirt, den Unternehmer Markus Birchmeier und – mit einem lachenden und weinenden Auge – das Winzerfest.

Markus Birchmeier, Unternehmer aus Döttingen

«Ich hatte damals das Gefühl, die Stimmbürger wollten den Gemeinderat einfach abwatschen.»

Markus Birchmeier, Unternehmer aus Döttingen

Was Hirt nach den kritischen Stimmen im Vorfeld nicht zu träumen gewagt hatte: Das überarbeitete Budget wurde trotz unliebsamer Kürzungen ohne Gegenstimme angenommen. 119 Stimmberechtigte waren anwesend. Das waren 24 mehr als an der ordentlichen Gmeind, die im November dem Gemeinderat eine Abfuhr erteilt hatte.

«Ich hatte damals das Gefühl, die Stimmbürger wollten den Gemeinderat einfach abwatschen», sagte Markus Birchmeier. Abwatschen dafür, dass im einstigen Steuerparadies die Abgaben inzwischen auf Normalmass angestiegen sind, dass die luxuriösen Zeiten mit den Axpo-Steuermillionen der Vergangenheit angehören. Zur Erinnerung: Im Jahr 2012 lag der Steuerfuss in Döttingen noch bei 60 Prozent.

Es braucht Investitionen

Der Unternehmer sprach sich vor den Stimmbürgern klar für eine Zustimmung zum Budget aus. «In den Gemeinden um uns herum liegt der Steuerfuss auch überall zwischen 110 und 115 Prozent», sagte Birchmeier in seinem Plädoyer. Dass der Gemeinderat auf Wunsch des Souveräns Kürzungen vornehmen musste, begrüsste er nicht. «Als Unternehmer muss ich auch investieren, um vorwärtszukommen. Investitionen in die Infrastruktur und die Bildung sind im Unternehmen wie auch im Dorf eine Notwendigkeit.»

Leidtragender der Kürzungen ist unter anderem der Verein Winzerfest. Statt wie bisher 20'500 Franken erhält er nur noch 10'000 Franken pro Jahr von der Gemeinde. Birchmeier versprach, 2019 für die Gemeinde in die Bresche zu springen und die 10 500 Franken einmalig zu übernehmen. Die Geste brachte ihm viele Sympathiepunkte.

Otto Zimmermann, OK-Präsident des grössten Winzerfests der Deutschschweiz, störte sich vor allem über die Art und Weise der gemeinderätlichen Kommunikation. Dass sein Verein von den Kürzungen betroffen ist, erfuhr er aus der Abstimmungsbroschüre und nicht etwa im persönlichen Gespräch. Zimmermann sagte: «Alle waren froh, als der Steuerfuss bei 60 Prozent lag. Jetzt müssen wir den Kopf halt hinhalten.» Und er mahnte mit Blick in die Vergangenheit: «Die Gemeinde darf nicht wie ein Lottomillionär leben, der in drei Jahren alles verprasst und danach Schulden hat.» Eines ist klar: Die paradiesischen Zustände in Döttingen gehören der Vergangenheit an. Will sich die Gemeinde nicht weiter verschulden, ist die nächste Steuerdebatte programmiert.

Impressionen aus Döttingen: