Bad Zurzach

Die Ostumfahrung verbannt den Verkehr aus dem Flecken − Fluch oder Segen für Gewerbler?

Noch ist der Ortskern von Bad Zurzach stark befahren. Das soll sich bis 2023 ändern.

Noch ist der Ortskern von Bad Zurzach stark befahren. Das soll sich bis 2023 ändern.

Das 75-Millionen-Franken-Projekt soll Bad Zurzach ab 2023 vom Durchgangsverkehr befreien. Einige Gewerbler befürchten ein Lädelisterben, andere sehen darin eine grosse Chance.

Das öffentliche Leben steht wegen der Corona-Krise so gut wie still. Nicht so die Baustellen. Vergangene Woche verkündete der Aargauer Regierungsrat, die Planung und Realisierung der kantonalen Bauprojekte sollen möglichst ohne zeitliche Verzögerungen vorangetrieben werden.

Das gilt auch für das 75-Millionen-Projekt Ostumfahrung Bad Zurzach, dessen Baustart Anfang Januar erfolgte. Die Umfahrung soll ab Sommer 2023 den historischen Ortskern vom Durchgangsverkehr entlasten. Doch was bedeutet das für das Gewerbe − kommt es in drei Jahren zum Lädelisterben oder blüht das Zentrum auf?

«Es droht ein ähnliches Szenario wie in Klingnau»

Bektas Yilmaz vom «Zurzi Imbiss» ist überzeugt: «Weniger Durchgangsverkehr bedeutet weniger Kunden, das hat man schon in Klingnau gesehen.» Mit der Eröffnung der Umfahrung im Herbst 1994 wurde der dortige Verkehrsmoloch zwar verbannt, doch mit ihm blieb auch ein Grossteil der Kundschaft aus: Die Folge waren Geschäftsschliessungen am Laufmeter in Klingnau.

Yilmaz, der den unterdessen 14-jährigen Kebab-Laden an der Hauptstrasse vergangenen Sommer von seiner Schwester übernahm, befürchtet für Bad Zurzach ein ähnliches, wenn auch nicht ganz so schlimmes Szenario. «Ich hoffe zumindest, dass die Parkplätze vor meinem Geschäft bestehen bleiben», sagt Yilmaz.

«Wird wohl nicht viel besser als jetzt während Coronakrise»

Liliane Stöhr teilt die Befürchtungen von Bektas Yilmaz. Seit 33 Jahren führt sie das Bastelzentrum Wundertüte. «Es wird wohl nicht viel besser sein wie jetzt während der Coronakrise», sagt sie. Auch Waldshut ennet der Grenze habe zu Beginn schwere Zeiten durchlitten, als vor rund 30 Jahren die Fussgängerzone eingeführt wurde.

Kleine Schaufeln und grosse Pickel: Spatenstich zur Ostumfahrung Bad Zurzach

Kleine Schaufeln und grosse Pickel: Spatenstich zur Ostumfahrung Bad Zurzach

Gemeindeammann Bernhard Scheuber sinniert über Flanieren ohne Autolärm in der Schwertgasse.

Sie selbst möchte ihren Online-Shop, der sie in der aktuellen Krise bereits ausgebaut hat, noch mehr erweitern, um den befürchteten Kundenwegfall über 2023 hinaus aufzufangen. Denn bis dahin würden wohl wegen der Baustelle schon viele Geschäfte geschlossen haben, so Liliane Stöhr. Diese Sorge teilt auch Judith Weiss, seit 32 Jahren Geschäftsführerin des 1925 gegründeten Geschäfts Mode Weber. «In drei Jahren wird es sicher schön aussehen hier im Flecken», sagt sie. «Die Frage ist nur: Wie viele Geschäfte gibt es bis dann noch?»

«Es wird leiser, sauberer und sicherer im Flecken» 

Entspannter sieht es Valentina Daudrich, die seit vergangenem August ein Nähstudio an der Hauptstrasse betreibt. Zwar sei ihr bei der Suche nach einem Ladenlokal aufgefallen, dass es in Bad Zurzach einige leer stehende Lokale gibt. Aktuell sind im Erdgeschoss an der Hauptstrasse und in der Schwertgasse neun Lokale ausgeschrieben – teilweise mit dem verlockenden Angebot, die ersten sechs Monate keine Miete zahlen zu müssen.

Valentina Daudrich ist aber überzeugt: «Mit der Ostumfahrung wird es leiser, sauberer und sicherer im Flecken.» Das bedeute mehr Menschen auf den Strassen und auch mehr Kundschaft. Dass der fehlende Durchgangsverkehr sich negativ auswirken könnte, glaubt sie nicht. «Das macht vermutlich nur einen kleinen Teil aus.»

«Gewinn an Lebensqualität» 

Auch Stefan Haus von Mauchle Getränke sieht die Ostumfahrung als Chance. Der Präsident des Gewerbevereins Rheintal-Studenland sagt: «Die Umfahrung bedeutet ein Gewinn an Lebensqualität.» Das habe Rheinfelden gezeigt. Er sagt aber auch: «Wichtig ist, dass ein Konzept da ist für die Gestaltung des Zentrums, das möglichst zeitnah mit der Eröffnung der Umfahrung umgesetzt wird.» Ansonsten drohe Bad Zurzach ein ähnliches Schicksal wie Klingnau, wo ein solches Konzept fehlte.

«In Bad Zurzach hat man das zum Glück realisiert», sagt Haus im Hinblick auf das Fleckenkonzept, das unter anderem vorsieht, den Verkehr in der Schwertgasse zwischen der Reformierter Kirche und dem Rathaus zu reduzieren oder ganz zu verbannen, damit die Passanten dort flanieren können.

«Die Kurgäste sind das grosse Potenzial»

«Veränderungen gehören dazu», sagt Ammann Bernhard Scheuber. Aber der Flecken bereite sich so gut wie möglich darauf vor: «Wenn die Umfahrung 2023 eröffnet wird, möchten wir noch am selben Tag auch die neu gestaltete Schwertgasse einweihen.» Die Chancen stünden gut, dass das Zentrum mit der Ostumfahrung nicht ausstirbt, sondern belebt wird.

Das grosse Potenzial sieht Scheuber in den rund 1500 Kurgästen, die 2019 im Schnitt pro Tag das Thermalbad besuchten. «Ziel ist, dass diese Gäste auch im Flecken verweilen.» Hinzukomme, dass das Fleckenkonzept auch von der Bevölkerung mitgetragen werde. «Der Workshop vor einem Monat war mit rund 100 Bad Zurzacherinnen und Bad Zurzacher gut besucht – und die Teilnehmer zeigten einen grossen Ideenreichtum», sagt Scheuber.

Diese reichten von einem Treffpunkten und Spielorten über ein Repair-Café, einem Kleinkino bis zu einem Lokal der Kulturen. Und möglicherweise bewirkt die aktuelle Coronakrise auch etwas Positives, so Scheuber: «Vielleicht findet aufgrund der geschlossenen Grenze bei Einkaufstouristen ein Umdenken statt, und sie berücksichtigen wieder mehr die lokalen Geschäfte.»

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