In den nächsten Tagen wird eine von der Lengnauer Vogelsangstrasse leicht zurück versetzte Liegenschaft abgebrochen. Auf dem Areal baut das einheimische Baugeschäft Eugen Schneider AG ein Mehrfamilienhaus mit fünf behindertengerechten Kleinwohnungen.

Mit dem Abbruch verschwindet ein wichtiger Zeuge der jüdischen Kultur aus dem Dorfbild von Lengnau. Das 1813 erbaute Haus diente zunächst als Wohnung, als Sitzungslokal für die jüdische Vorsteherschaft und als Gemeindeversammlungslokal. Im Keller war ein gemeindeeigenes Reinigungsbad – eine Mikwe – eingerichtet. 1875 erwarb Samuel Daniel Guggenheim das Gebäude und richtete eine Mazzenbäckerei ein. Er belieferte unzählige jüdische Gemeinden vom Elsass über Süddeutschland bis nach Österreich mit dem Fladenbrot aus ungesäuertem Teig.

Weil 1903 in Zürich eine Mazzenbäckerei eröffnet wurde, musste der Betrieb in Lengnau eingestellt werden. In der Zeitschrift «Der Israelit» vom 16. Juli 1903 erschien ein Inserat mit folgendem Text: «Zu verkaufen, vorgerücktem Alter wegen, die seit 32 Jahren mit stets wachsendem Erfolg betriebene einzige Mazzenbäckerei der Schweiz, mit allen Maschinen und Gerätschaften zu günstigen Zahlungsbedingungen. Dieselbe bietet gesicherte Existenz. Daselbst ist auch eine gut erhaltene Torarolle zu verkaufen. Reflektanten wollen sich wenden an: S. Guggenheim, Mazzenbäckerei, Lengnau, Kanton Aargau (Schweiz).»

Nach dem Tod des Mazzenbäckers Samuel Daniel Guggenheim 1910 war niemand aus der Nachkommenschaft Guggenheims bereit, das Haus zu übernehmen, was dazu führte, dass sich sein Zustand zunehmend verschlechterte.

Seit dem Auszug der letzten Bewohner 1972 stand das Gebäude leer. Im März 2011 ersteigerten Gerhard und Eugen Schneider vom örtlichen Baugeschäft Schneider AG die Liegenschaft.

Fehlgeschlagener Rettungsversuch

Eine vom Einheimischen Roy Oppenheim, Mitinitiator des «Jüdischen Kulturweges», zusammengestellte Arbeitsgruppe «Haus der Toleranz» – bestehend aus namhaften Historikern, Architekten und einem Vertreter der Erbengemeinschaft des letzten Besitzers – haben von 1996 bis 1998 versucht, das Haus zu retten. Für den Kauf und die Instandstellung des Hauses an der Lengnauer Vogelsangstrasse hätten 700000 Franken zusammengekratzt werden müssen. Trotz grösster Anstrengungen konnte das Geld nicht aufgetrieben werden. «Es ist ein Jammer, dass es uns nicht gelungen ist, die letzte Schweizer Mazzenbäckerei vor dem Abbruch zu bewahren», sagt Roy Oppenheim rückblickend. Mit dem Abbruch gehe ein bedeutendes Objekt der jüdischen Kultur im Surbtal verloren.

Behindertengerechte Wohnungen

Die Eugen Schneider AG wird das geschichtsträchtige Haus an der Lengnauer Vogelsangstrasse in den nächsten Tagen abreissen. Erstellt werden 5 behindertengerechte Kleinwohnungen – 1 Dreieinhalbzimmer-Wohnung sowie 4 Zweieinhalbzimmer-Wohnungen. Als Architekten des Projekts zeichnet die Arbeitsgemeinschaft Sidler Architekten AG (Baden) und
Döttimmob (Lengnau) verantwortlich.

Dem Baubeginn ging ein jahrelanger Rechtsstreit um die Platzierung der Parkplätze und um die Erschliessung voraus. Das Projekt sieht den Bau von fünf Abstellplätzen an der Weidgasse in nördlicher Richtung des Neubaus vor. Die Erschliessung der Liegenschaft erfolgt von und über die Gasse, die zur Vogelsangstrasse führt. Bauherr Gerhard Schneider rechnet mit einer Bauzeit von rund einem Jahr. Das bedeutet, dass die neuen Wohnungen im Zentrum von Lengnau im Frühling 2014 bezugsbereit sind.