Bad Zurzach

Die Krise als Chance für freischaffende Künstler: «Jetzt ist Spontanität gefragt»

Jürg Steigmeier erzählt Kindern auf Facebook jeden Tag ein Schweizer Märchen und postet eine Illustration zum Ausmalen dazu.

Jürg Steigmeier erzählt Kindern auf Facebook jeden Tag ein Schweizer Märchen und postet eine Illustration zum Ausmalen dazu.

Obwohl die Corona-Krise vor allem freischaffende Künstler bis ins Mark trifft, zeigt sich die Branche solidarisch und wird richtig kreativ – wie beispielsweise Levi Bo.

Levi Bo sitzt bei Sonnenuntergang am Zugersee und singt für die Facebook-Gemeinde «Liebe Siech» von Polo Hofer. Ein kleines privates Filmchen vom Familienausflug, aufgenommen von der Cousine seiner Frau. Pop-Classic-Tenor Patrick von Castelberg hat seine Minianlage inklusive Scheinwerfer vor seiner Haustür installiert und schmettert «You Raise Me Up». Boogie-Woogie-Pianist Nico Brina haut in einer Waldlichtung nahe seinem Wohnort in die Tasten.

Anlass für diesen und viele weitere kreative Posts im sozialen Netzwerk war ein Aufruf an Musikerinnen und Musiker, ein Zeichen der Solidarität zu setzen–und am vergangenen Sonntag um Punkt 18 Uhr ein Privatkonzert für die Menschen zu geben, die teilweise isoliert zu Hause sitzen. Vorbild war ein Facebook-Film aus Italien, wo das öffentliche Leben wegen des Corona-Virus stillsteht, und sich die Menschen von Balkon zu Balkon Mut zusingen. Die Feedbacks auf Levi Bo’s Post waren enorm. Eine Facebook-Freundin schreibt sogar «Lass mal deine IBAN-Nummer rüberwachsen». Und er kontert charmant «Dankeschön, dein Wille ist schon Bezahlung genug.»

Aber eigentlich ist die Lage bitter ernst: «Wir Musiker arbeiten alle auf eigene Rechnung und verdienen zurzeit rein gar nichts. Diese Durststrecke müssen wir jetzt gemeinsam bewältigen.» Er möchte auch weiterhin versuchen, in den Krisenzeiten etwas Freude zu verbreiten. «Nächstes Wochenende gebe ich ein kleines Konzert von Zuhause aus und stelle es wieder auf Facebook. Keine Ahnung, ob ich alleine spiele oder noch andere Musiker mitmachen. Jetzt sind Spontaneität und Flexibilität gefragt.»

Aktion à la Italien: Levi Bo sang am Sonntag live auf Facbook.

Aktion à la Italien: Levi Bo sang am Sonntag live auf Facbook.

Sonntag, 15. März 2020, Punkt 18 Uhr, gaben verschiedene Musiker nach einem Aufruf auf Facebook spontane Haus- und Balkonkonzerte.

Seit der Kindergarten in Bad Zurzach geschlossen ist, postet der Geschichtenerzähler und Kindergärtner Jürg Steigmeier jeden Tag ein Märchen für den Nachwuchs zu Hause auf Facebook. Einmal mit Text für jene, die schon etwas lesen können; und einmal live als Erzählung. «Für die Aufnahme klebe ich das Handy an die Lampe über meinem Esszimmertisch und filme mich so. Es geht nicht um Perfektion, sondern darum, dass die Kinder jeden Tag etwas erzählt bekommen.» Vorerst hat er für seine Aktion zwei Wochen vorgesehen. «Aber ich habe so viele Schweizer Märchen und Sagen in meinem Fundus, dass ich auch problemlos noch verlängern könnte.» Zu jeder Geschichte gibt es eine von ihm kreierte Illustration für Zuhause zum Ausmalen. «Die können mir später zugeschickt werden. Die schönsten Bilder werden mit Festivalpässen zum Märchen- und Geschichtenfestival ‹Klapperlapapp› am 5. und 6. September 2020 belohnt. Ich hoffe schwer, dass bis dann bei uns wieder eine Art ‹courant normal› herrscht.»

Im Normalfall nur wenig Interesse

Viele Eltern haben ihm schon geschrieben, dass ihre Sprösslinge jeden Morgen sehnsüchtig auf seine «Gschichtli» warten. Die jetzige Situation bezeichnet Steigmeier einerseits als schrecklich, andererseits: «Gleichzeitig geniesse ich aber auch die Ruhe, die plötzlich herrscht.» Er ist überzeugt, dass diese Krise auch Chancen in sich birgt. «Meine Märchen hätten im Normalfall niemanden interessiert, wenn ich sie gepostet hätte. Jetzt geht die Übersättigung langsam zurück und in der Stille entsteht wieder mehr Sensibilität für kleine, unaufwendige, aber innovative Engagements, die von Herzen kommen.»

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