Bad Zurzach

«Die Diagnose war ein Schock»: Diese Zurzibieterin kümmert sich um ihre demenzkranke Mutter

Dinah Schilling (rechts) führt eine Praxis für manuelle Schmerztherapie und kümmert sich zu Hause um ihre Mutter Edita Cerny.

Dinah Schilling (rechts) führt eine Praxis für manuelle Schmerztherapie und kümmert sich zu Hause um ihre Mutter Edita Cerny.

Die Bad Zurzacherin Dinah Schilling kümmert sich zu Hause um ihre demenzkranke Mutter – und dies grösstenteils alleine.

Es ist alt, das Haus von Dinah Schilling (56) und ihrer Mutter, Edita Cerny (86). Die Holztreppe, die vom Hauseingang bis in den Wohnbereich führt, ist mit einem Treppenlift versehen. An den Wänden im Innern hängen Acrylbilder, die unteranderem farbenfrohe Landschaften zeigen. «Die sind alle von mir, ich brauche das Malen zur Entspannung», sagt Dinah Schilling, die mit ihrer demenzkranken Mutter am Esstisch sitzt. Menschen wie Dinah Schilling, die im Stillen ihre Liebsten pflegen, schenkte gestern der Tag der betreuenden Angehörigen die verdiente Anerkennung.

Vor rund zehn Jahren zeigten sich bei Edita Cerny die ersten Anzeichen, vor vier Jahren erhielt sie die Diagnose, die ihr Leben auf den Kopf stellte: Sie leidet an Demenz. Unter Demenz oder globale Hirnatrophie versteht man einen allmählichen Verlust von Hirnsubstanz. Dieser Schwund führt dazu, dass Synapsen im Hirn nicht mehr richtig schalten.

«Das ist, als ob man einen Stecker nicht in die Steckdose steckt, sondern ihn nur in die Nähe hält», erklärt Dinah Schilling. «Der Staubsauger funktioniert nicht, er erhält keine Informationen. So ist das auch mit den Synapsen im Hirn.» Laut Bundesamt für Gesundheit leben in der Schweiz zurzeit gegen 131300 demenzkranke Menschen. Jährlich kommen rund 31200 Neuerkrankungen hinzu.

Für Dinah Schilling war die Diagnose ihrer Mutter ein Schock. «Es gab eine Zeit, da habe ich gegen alles angekämpft. Ich wollte nicht wahrhaben, dass ausgerechnet meine Mutter diese Diagnose erhält», sagt die 56-Jährige.

«Meine Mutter ist mein letztes Familienmitglied»

Nach einem Unfall, der einen gebrochenen Oberarm zur Folge hatte, musste Schilling ihre Mutter von der Alterssiedlung, in der sie damals lebte, ins Altersheim Amriswil bringen. Damals konnte sie ihre Mutter aus Platzgründen noch nicht zu sich nach Hause nehmen. Edita Cerny fühlte sich im Altersheim aber alles andere als wohl. Die 86-Jährige wollte lieber bei ihrer Tochter wohnen.

Schilling konnte und wollte ihrer Mutter diesen Wunsch nicht abschlagen. «Meine Mutter ist mein letztes Familienmitglied. Es ist für mich deshalb selbstverständlich, dass ich mich um sie kümmere.» Wie das Schicksal so spielt, konnte Schilling kurz darauf das alte Haus eines Bekannten in Bad Zurzach übernehmen, wo sie im August dieses Jahres mit ihrer Mutter einzog.

Dinah Schilling kümmert sich grösstenteils alleine um ihre Mutter. «Ich würde mich aber selbst belügen, wenn ich sage, dass ich alles alleine schaffe», sagt sie. Einmal pro Woche hilft ein Entlastungsdienst mit. Und wenn sie am Wochenende Zeit für sich braucht, kann Dinah Schilling ihre Mutter in das Tag-Nacht-Zentrum in Baden bringen. Das Zentrum ist eine teilstationäre Einrichtung zur Entlastung pflegender Angehöriger.

Ansonsten schmeisst Schilling den Haushalt, macht mit ihrer Mutter Ausflüge, geht mit ihr auf Spaziergänge und erfüllt alle anderen Aufgaben, die im Haus anfallen. «Es ist ein grosser Aufwand, da auch viel Verantwortung damit verbunden ist», sagt die 56-Jährige. Finanziell entlastet wird ihre Mutter durch eine Ergänzungsleistung von jährlich rund 25000 Franken.

Nebst ihren Betreuungsaufgaben führt Dinah Schilling eine Praxis für manuelle Schmerztherapie und ist Kunsttherapeutin. Ihre Mutter nimmt sie mit zur Arbeit, wo sie im Wartezimmer auf ihre Tochter wartet. Hat Dinah Schilling Pause, verbringen die beiden Zeit miteinander. Edita Cerny isst beispielsweise gerne bei McDonalds oder holt sich eine Dönerbox. «Sie liebt dieses Essen, da es das früher nicht gab», sagt die Bad Zurzacherin und lächelt.

Der Zweite Weltkrieg löst noch immer Angst aus

«Meine Mutter war und ist auch heute noch eine Persönlichkeit», sagt Schilling. Edita Cerny hat in Tschechien den Zweiten Weltkrieg miterlebt. Als 1968 die Russen einmarschierten, flüchtete sie nach Wien. Wegen ihrer Ausbildung zur Elektromechanikerin kam sie schlussendlich in die Schweiz. Doch die Erinnerungen stecken tief. Sobald die 86-Jährige ein lautes Pfeifen hört, löst das noch immer Angstzustände aus. Vor diesen kann Schilling ihre Mutter nicht bewahren. Stattdessen versucht sie umso mehr, positive Erinnerungen in ihrer Mutter hervorzurufen, beispielsweise durch Bilder, Gerüche oder Geräusche.

Mittlerweile sind die Beiden ein eingespieltes Team. «Ich weiss jetzt: Meine Mutter ist nicht die Krankheit, sie hat einfach andere Bedürfnisse als früher», sagt Schilling. Da meldet sich auch Edita Cerny zu Wort– zum ersten Mal während des Gesprächs: «Das ist meine Tochter.» Dinah Schilling lächelt. «Meistens bin ich die Schwester oder auch die Mutter. Ich war schon länger nicht mehr die Tochter.»

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1