Leuggern

Deutsche Ärzte werben um Schweizer Patienten – warum Spital-Direktor Huber das stossend findet

Asana-Direktor René Huber: «Mit ihren Besuchen bei deutschen Ärzten bewegen sich Schweizer Patienten versicherungstechnisch in einer Grauzone.»

Asana-Direktor René Huber: «Mit ihren Besuchen bei deutschen Ärzten bewegen sich Schweizer Patienten versicherungstechnisch in einer Grauzone.»

Deutsche Ärzte und Kliniken werben um Schweizer Patienten und versprechen ihnen Vorzugsbehandlung. Zum Ärger der Einheimischen und zum Missfallen von Leuggerns Spitaldirektor René Huber.

Folgt auf den Einkaufs- nun der Patiententourismus? Diese Befürchtung äussern die Menschen entlang der Grenze auf deutscher Seite. Immer mehr Kliniken und Ärzte nutzen ihre Lage, um aktiv um Schweizer Privatpatienten zu werben.

Jüngstes Beispiel: Ein deutscher Facharzt aus Tiengen warb um Schweizer Kundschaft. Der Hals-Nasen-Ohren-Facharzt (HNO) aus Tiengen platzierte vor einigen Tagen zur Eröffnung seiner Praxis eine Anzeige in der «Aargauer Zeitung». Darin steht: «Schweizer Patienten erhalten sofort Termine, keine Wartezeiten».

Das direkte Anwerben von Privatpatienten aus dem Nachbarland sorgt in der Region Hochrhein für Empörung.

«Die Leute sind darüber sehr irritiert. Der deutsche Kassenpatient wird damit wie ein Mensch dritter Klasse behandelt», verschafft sich ein Bewohner aus Tiengen gegenüber dem BT stellvertretend Luft.

Auch in den sozialen Medien nerven sich User über die Ungleichbehandlung. «Das darf doch nicht sein, dass in der Schweiz lebende Personen den hier lebenden ständig bevorzugt werden.»

Der Arzt ist kein Einzelfall. Neu ist hingegen, dass neben Kliniken, wie beispielsweise die Dorow Clinic mit Standorten in Waldshut und Lörrach, zunehmend Fachärzte ihre Lage an der Grenze nutzen, und damit aktiv um Schweizer Patienten, also Privatpatienten werben.

Deutsche gebären in die Schweiz

Bedeckt von der Offensive ihrer deutschen Kollegen halten sich die Ärzte im Bezirk Zurzach. Sämtliche angefragten Praxen wollten sich zu den Praktiken auf der anderen Rheinseite nicht äussern. Ein Arzt, der namentlich nicht genannt werden möchte, räumt zumindest ein, dass er bis jetzt keine Kundschaft verloren habe.

Vorbehalte gegenüber der deutschen Vorgehensweise äussert hingegen der Direktor des Asana Spitals in Leuggern, René Huber. Er habe per se zwar nichts gegen ein grenzüberschreitendes System.

Wenn, dann müsse es aber auf Gegenseitigkeit beruhen. Huber kennt die umgekehrte Situation: Rund ein Viertel der Geburten im Asana Spital sind Entbindungen von Frauen aus Deutschland. Abgerechnet würden diese zu gleichen Tarifen wie in Deutschland und ohne jedwede Bevorteilung.

Huber, der für die CVP im Grossrat sitzt, findet es stossend, wenn ein Arzt wie in dem genannten Fall auf diese aggressive Weise auf Patientenfang geht. Sein Appell richtet sich daher an die Politiker in Bundesbern. «Es muss im Gesetz über die Krankenversicherung (KVG) klar geregelt werden, wem welche Leistungen zustehen und wie diese finanziert werden.»

René Huber spricht damit einen heiklen Punkt an. Mit ihren Besuchen bei deutschen Ärzten bewegen sich Schweizer Patienten versicherungstechnisch in einer Grauzone. Hierzulande gilt nach wie vor das sogenannte Territorialitätsprinzip. Was so viel heisst, dass Grundversicherungen Behandlungen im Ausland nur in Ausnahmefällen übernehmen dürfen.

Der Krankenkassenverband Santésuisse möchte diese Regeln lockern. Stefan Heini, Sprecher von Krankenversicherer Helsana, sagt gegenüber «20 Minuten», dass sich Patienten und Krankenkassen hier in der Zwickmühle befänden.

Patienten, die sich im Ausland behandeln lassen, möchten oftmals aus Verantwortungsbewusstsein mithelfen, die Gesundheitskosten tief zu halten, was bei vergleichbarer Qualität auch im Interesse der Krankenversicherer liegen würde. «Es besteht allerdings die Gefahr, dass Leistungen nicht bloss substituiert werden, sondern ein Mehrkonsum resultiert», so Stefan Heini.

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