Für René Stammbach war der Gewinn des Davis-Cups Ende November im französischen Lille die Krönung seiner Tätigkeit als Präsident von Swiss Tennis. Mit den Superstars Roger Federer und Stan Wawrinka die hässlichste Salatschüssel der Welt in die Höhe zu stemmen, war für den gebürtigen Zurzacher mit Wohnsitz in Rüschlikon ein einmaliges Erlebnis: «Als ich 2006 zum Präsidenten des Schweizerischen Tennisverbandes gewählt wurde, war der Gewinn des Davis-Cups eines meiner grossen Ziele. Damals haben alle gelacht und mich als Spinner bezeichnet», erzählt Stammbach beim Interviewtermin in den Geschäftsräumen einer Firma in Bad Zurzach, in der er seit Jahren im Verwaltungsrat sitzt.

Aufgewachsen ist René Stammbach im Oberflecken. Bei der Schilderung seiner Jugenderlebnisse huscht ein Lächeln über sein Gesicht: «Es war eine spannende Zeit. Wir haben Waldhütten gebaut und uns heftige Schlachten beim Wasserreservoir geliefert – der Oberflecken gegen den Unterflecken.» In den Schlachten seien sie nicht zimperlich gewesen, erinnert sich Stammbach.

Als Kriegsmaterialien dienten Holzschwerter und Gummischleudern, zusammengebastelt aus alten Veloschläuchen und Holzstecken. Dass sich die Zurzacher Jungmannschaft in der Freizeit kriegerisch betätigte, hängt mit der damals üblichen Schulform zusammen: «Mitte der Sechzigerjahre herrschten noch alte Strukturen mit Kadettenunterricht und militärisch geprägten Turnstunden», erinnert sich Stammbach. «Eines war klar: Die Lehrer hatten immer recht.»

Erste Gehversuche im Tennis

Schulunterricht, Hüttenbauen und Schlachten im Wald genügten dem Sohn des Inhabers eines grossen Elektrogeschäfts im Ort bald nicht mehr. Er wandte sich dem Tennissport zu.

Als 12-Jähriger drosch René Stammbach auf den Plätzen der Sodafabrik Zurzach auf den Filzball. Nachdem er die Grundtechnik leidlich beherrschte (sehr guter Service, gute Vorhand, mittelmässige Rückhand) wechselte er zum Tennisclub Zurzach, wo er erstmals Bekanntschaft mit dem Wettkampfwesen des Schweizerischen Tennisverbandes (heute Swiss Tennis) machte. Kurzzeitig wagte sich Stammbach auch über den Zurziberg und heuerte als Interclubspieler mit der Klassierung B3 (heute R3) beim Tennisclub Döttingen an.

Als Spieler war Stammbach mässig erfolgreich («von einer internationalen Karriere meilenweit entfernt»), doch als Funktionär machte er schnell Karriere. Erste Erfahrungen sammelte er als Spiko-Präsident des Tennisclubs Zurzach.

1979 erhielt der Verein den Zuschlag für die Durchführung der Schweizer Tennis-Meisterschaften, für Stammbach eine gute Gelegenheit, sein Organisationstalent unter Beweis zu stellen.

«In der Barz haben wir extra für diesen Anlass zwei neue Sandplätze und eine Tribüne für 1000 Zuschauer gebaut», erinnert sich Stammbach. In diesen Tagen im Sommer 1980 erkannte er, dass ihm die Organisation grosser Anlässe Spass macht und dass er fähig ist, etwas anzureissen und erfolgreich durchzuziehen.

Zwei Jahre später kam René Stammbach während des Wirtschaftsstudiums in St. Gallen mit Dr. Max Gubler, Präsident des Schweizerischen Tennisverbandes, in Kontakt. Dieser trug sich mit dem Gedanken, die Weltmeisterschaft der Frauen in der Schweiz auszutragen – ein gewagtes Unterfangen, denn damals interessierte sich fast niemand für Frauen-Spitzentennis.

Gubler und Stammbach liessen sich von ihrem Ziel nicht abbringen, kandidierten gegen Venedig und Birmingham – und erhielten den Zuschlag. Gründe für den unerwarteten Erfolg waren eine sehr gute Bewerbung und der Ausbruch des Falklandkrieges, der Birminghams Kandidatur Makulatur werden liess.

Eines der prägendsten Ereignisse in der steilen Funktionärskarriere von René Stammbach war – neben dem Gewinn des Davis-Cups vor rund vier Monaten – die Übernahme und die Organisation der European Indoors in der Zürcher Saalsporthalle im Herbst 1983.

Stammbach führte das Turnier neun Mal durch und konnte einige Weltstars verpflichten, darunter Steffi Graf, Martina Navratilova, Mary Pierce, Lindsay Davenport und Martina Hingis. Nach dem Verkauf der Veranstaltung wollte sich Stammbach aus dem Tennissport zurückziehen. Doch dann kam die Anfrage der damaligen Verbandspräsidentin Christine Ungricht, ob er nicht Interesse hätte, Mitglied des Verbandsvorstandes zu werden. Und es kam, wie es kommen musste: 1992 bis 2000 war Stammbach ehrenamtlicher Vizepräsident von Swiss Tennis sowie Davis-Cup-Chef und Chef des Fed-Cup-Teams. Hauptberuflich widmete er sich seiner eigenen Marketing-Beratungsgesellschaft mit Mandaten für die Welt-Expo in Schanghai und für die Schweizer Landesausstellung Expo.02.

Während eines Aufenthalts im Frühling 2005 in Bali meldete sich der Aargauische Tennisverband mit einem wichtigen Anliegen bei René Stammbach: Er sollte Präsident von Swiss Tennis und damit Nachfolger der zurücktretenden Christine Ungricht werden. «Ich plante eine Weltreise und wusste, dass ich gegen den besser bekannten ehemaligen Spitzenspieler Heinz Günthardt antreten muss», erinnert sich Stammbach.

Da der Verband kurz zuvor hoch dotierte Sponsorenverträge verloren hatte, war eher ein Finanzfachmann wie Stammbach und weniger ein Techniker wie Günthardt gefragt. Stammbach setzte sich gegen Günthardt durch. Er strich Sommerferien und Weltreise und stürzte sich kopfüber in die Arbeit. «Heute verfügt der Verband über ein Vermögen von rund 10 Millionen Franken», freut sich der Swiss-Tennis-Präsident – und über ein Davis-Cup-Team, das die höchsten Lorbeeren in die Schweiz geholt hat, die es als Tennisteam zu gewinnen gibt.

Doch als Davis-Cup-Gewinner im sportlichen Sinn sieht sich René Stammbach nicht: «Auf dem Platz gestanden sind die Spieler. Die Aufgabe des Verbandes ist es, die bestmöglichen Voraussetzungen für Erfolge zu schaffen und für Ruhe im Umfeld zu sorgen.»

Was im Erfolgsjahr 2014 so gut gelungen ist wie nie zuvor. Einmal mehr hat Stammbach eine Idee in die Tat umgesetzt, für die er Jahre zuvor noch ausgelacht worden war. Da liegt die Vermutung nahe, dass Stammbach das Gewinnen wichtiger Schlachten in den Wäldern rund um Zurzach gelernt hat.