Lengnau

Der Verein «Doppeltür» hat sein Besucherzentrum gefunden – im ehemaligen Dorfladen

Das jüdisch-christliche Vermittlungsprojekt erwirbt eine Liegenschaft im Dorfkern von Lengnau.

Vor ziemlich genau einem Jahr schloss in Lengnau der Dorfladen gleich neben der Synagoge im Zentrum seine Tore. Das Ende der damaligen Spar-Filiale wurde von der Bevölkerung allgemein bedauert. Seither stand die Fläche im Erdgeschoss am Spycherweg 2 leer. Seit Montag ist klar: In absehbarer Zeit wird der Liegenschaft wieder neues Leben eingehaucht werden. Wie der Verein «Doppeltür» bekannt gab, sollen möglichst bald die ersten Besucher umfassend über das jüdisch-christliche Zusammenleben im Surbtal informiert werden. Präsident Lukas Keller rechnet damit in rund einem Jahr.

Damit kommt das ambitionierte Projekt einen entscheidenden Schritt voran. Nach der Gründung vor eineinhalb Jahren machte sich der Verein daran, die Finanzierung sicherzustellen. 16 Millionen Franken soll dereinst die vollständige Umsetzung kosten. Mit dem Ziel, das historische Erbe sowie das Zusammenleben von Juden und Christen in Lengnau und Endingen sicht- und erlebbar zu machen.

Der Hintergrund: Juden und Christen lebten bis vor 150 Jahren in Endingen und Lengnau in gleichen Gebäuden, jedoch mit verschiedenen Eingangstüren. Es entwickelte sich ein Neben- und Miteinander. «Tür an Tür», sagt der Mitinitiant des Projekts, Roy Oppenheim. Mit dem Projekt «Doppeltür» soll dieses Nebeneinanderleben nun neu aufgearbeitet, vermittelt und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Die Verantwortlichen gehen jährlich von 30 000 Besuchern aus.

Herzstück des Projekts

Mit dem Erwerb des Doppeltürhauses für rund 1,6 Millionen Franken stellt der Verein wichtige Weichen für die Zukunft. Die Liegenschaft soll im Gesamtkonzept eine zentrale Funktion einnehmen und das Herzstücks des Projekts bilden. Das Haus befand sich bis 1895 in jüdischem Besitz. Es handelte sich um ein jüdisches Mehrfamilienhaus, wie es sie am Dorfplatz in Lengnau damals zahlreich gab. Unter anderem betrieb Maria Schlessinger-Bernheim hier einen Lebensmittel- und Gemischtwarenladen, der sich vermutlich speziell an den Bedürfnissen der jüdischen Kundschaft orientierte. Kurz vor ihrem Tod veräusserte Schlessinger das Haus schliesslich an die Familie Müller-Bucher.

Claudia Degen Müller, eine Nachfahrin, führte die Verhandlungen und gab schliesslich grünes Licht für den Verkauf. Der Verein «Doppeltür» sei wichtig für das Kulturgut in Endingen und Lengnau, betont sie. Nebst dem Erwerb der Liegenschaft hat der Verein auch seine Strukturen angepasst. Valeria Arato Salzer, die Kulturbeauftragte der Geschäftsstelle des Israelitischen Gemeindebundes SIG, leitet neu die Geschäftsstelle. Die Projektleitung übernimmt mit Beat Heuberger ein Kulturmanager.

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