Blick ins Zurzibiet

Der Spatenstich für eine Vision mit strahlenden Gesichtern und blühenden Bäumen

Der Spatenstich für die Ostumfahrung Bad Zurzach ist der Spatenstich für eine Vision.

Der Spatenstich für die Ostumfahrung Bad Zurzach ist der Spatenstich für eine Vision.

Kolumnistin Ursula Hürzeler macht sich Gedanken über den kürzlich erfolgten Spatenstich zur Ostumfahrung in Bad Zurzach.

Es wird gebuddelt in Bad Zurzach, und gebaut: Nach der Nord- kommt nun also auch die Ostumfahrung! Bald wird der Flecken autofrei – ein Eldorado für spielende Kinder, ein Segen für die lärmgeplagten Anwohnerinnen und Anwohner, ein Begegnungsraum für kontaktfreudige Erwachsene. Ich schliesse die Augen und sehe lauter strahlende Gesichter, blühende Bäume und frisch verputzte Häuserfassaden. Was für eine Aussicht!

Und dann habe ich plötzlich ein Bild meiner Kindheit vor mir. Ich sitze mit zwei Cousins am Fenster bei meiner Grossmutter an der Baslerstrasse und zähle Autos: AG, einen Strich auf dem Blatt, UR einen weiter unten, und hoppla BS gleich drei Mal hintereinander. Wer von den Kantonen würde wohl bis zum Abend das Rennen machen? Gut, die Autos mit dem Aargauer Kennzeichen waren natürlich im Vorteil, aber die Plätze danach?

Besonders stolz waren wir jeweils, wenn ein ausländischer Wagen in unseren beschaulichen Flecken kam, oder zumindest durchfuhr. Ein Holländer etwa oder ein Franzose. Das gab Extrapunkte. Ein Kennzeichen ist mir übrigens besonders im Gedächtnis geblieben: TUT – für Tuttlingen. Gar nicht so weit weg. Aber als Ortsname ziemlich exotisch. Fand ich damals.

Ja, das Auto. Vor 50, 60 Jahren war es noch weniger Plage als vielmehr Verheissung. Es stand für Mobilität, für Unabhängigkeit, für Aufbruch. Gerade auf dem Land, und Carsharing war in meiner Teenagerzeit an der Tages- respektive an der Nachtordnung: Wie nach einer Fete nach Hause kommen, wenn weder Bus noch Bahn fuhren? Da musste man bangen, bis jemand endlich den Zündschlüssel zückte und darauf hoffen, dass der Fahrer nicht allzu betrunken war.

Item. An ein Zurzach ohne Autos kann ich mich gar nicht erinnern. Klar, es waren nicht gleich 10000 wie heute, die täglich durch’s Zentrum fuhren. Und ein paar Bauern, die mit ihren Traktoren samt Heu- oder Gemüsefuder den Verkehr aufhielten, gab es auch. Aber sonst? Jede Menge Lastwagen, Grenzgänger, Kurgäste! Am liebsten waren uns natürlich die letzteren: Sie schauten sich früher nämlich nach dem Baden noch gern die historischen Messehäuser an und kehrten in den Restaurants und Cafés ein. Mit dem grossen Parkplatz beim Thermalbad und den dortigen Verpflegungsmöglichkeiten hat sich das geändert. Im Ortskern kämpfen Ladenbesitzer und Wirtsleute ums Überleben.

Ob hier die neue Umfahrung wirklich eine Trendwende bringt? Abwarten. Und es dauert ja noch vier Jahre, bis der Verkehr vom Zurziberg her durch einen Tunnel am Flecken vorbei bis gegen den Zoll geleitet wird. So richtig vorstellen kann ich mir das gar nicht. Aber das ging mir mit der Nordumfahrung vor über 30 Jahren ähnlich.

Im Herbst 1989 wurde das sogenannte Jahrhundertbauwerk am Ostportal des Umfahrungstunnels eingeweiht. Was für ein Fest! Tatsächlich war danach Schluss mit den Staus zu den Stosszeiten und fertig mit den stinkenden Sattelschleppern und Lastzügen im Ortskern. Zumindest vorübergehend. Allmählich schwollen sie wieder an, der Verkehr und die Klage darüber, dass er den Flecken erstickt.

Höchste Zeit also für den zweiten Spatenstich! Und wenn Sie sich als Zurzacherin und Zurzacher jetzt eine Zeitlang ärgern über die Baustellen und den Schutt, schliessen Sie einfach die Augen: Sie sehen vor sich strahlende Gesichter, blühende Bäume und frisch verputzte Häuserfassaden. Der Alltag im künftigen autofreien Lebensraum im Flecken wird wunderbar! Hoff’ ich zumindest.
Herzlich, Ursula Hürzeler

*Urusla Hürzeler, gebürtige Bad Zurzacherin ist eine der prägendsten Medienstimmen des Landes. Sie moderierte das «Echo der Zeit» und «10 vor 10». Hürzeler lebt heute in Bern.

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