Am «Lindegiger» führt kein Weg vorbei. Wohnen soll der arme Tropf in der alten Linde an der Strasse zwischen Tegerfelden und Würenlingen. Mit bis 80 km/h braust dort der Verkehr über das Ruckfeld, knapp einen Meter an der Linde vorbei. Den «Lindegiger» scheints nicht zu kümmern.

Früher war das anders. Zu später Stunde wagte sich kaum jemand in die Nähe der Linde, wie noch heute in Endingen erzählt wird. Dann sass der Geist des «Lindegiger» im Baum, spielte Geige und trieb Schabernack. Einen Bauer soll das Geigenspiel derart entzückt haben, dass er seine Füsse bewegte und bald als bester Tänzer des Landes galt.

Schliesslich waltete der Tegerfelder Bannwart seines Amtes und wollte den Spuk beenden. Als er aber das Loch im Baumstamm schliessen wollte, in dem der «Lindegiger» haust, flogen ihm Zapfen und Axt an den Kopf. Die «Gigerlinde» gehört nur einem: dem «Lindegiger».

Wirt mischt Wein mit Wasser

So tanzte der freche Musikant den Menschen weiter auf der Nase herum, und wer seinen Weg kreuzte, wurde kurzerhand entführt und in Unterendingen beim Wirtshaus «Zu den drei Sternen» freigelassen. Dort soll der «Lindegiger» zu Lebzeiten gewirtet und die Gäste über den Tisch gezogen haben. Er log, betrog und stellte gewässerten Wein hin. «Drei Schoppen Wein und ein Schoppen Wasser geben auch ein Mass», soll der Wirt dem Knecht gesagt haben.

Schnell wurde der «Lindegiger» reich und schritt bald als Gemeindeammann durchs Dorf. Nun konnte er erst recht Wucher betreiben und brachte sogar Witwen und Waisen um ihr Geld – er, der selber als Sohn armer Eltern aufgewachsen war und Brot hatte zusammenbetteln müssen. Als Bub verkaufte er auf dem Badener und Brugger Wochenmarkt Streichhölzer, Nägel und Gemüse. Letzteres hatte er den Endinger und Lengnauer Juden vom Feld gestohlen.

Als Jugendlicher lernte der «Lindegiger» einen alten Tanzgeiger kennen, der ihm Musikunterricht gab. Schnell wurde er der beste Geigenspieler des Landes, was Bauch und Geldsäckel füllte. Mit dem Geld kaufte er das Wirtshaus «Zu den drei Sternen», wo noch mehr Geld floss – und seine Sinne noch mehr vernebelte.

Pfarrer zwingt Geist in Flasche

So wirtete der «Lindegiger» jahrelang und schenkte munter gepanschten Wein ein. Eines Tages jedoch kehrte er nicht aus dem Weinkeller zurück. «Der Tüfel heig e gno», hiess es. Von nun an trieb er als Geist sein Unwesen im Weinkeller. Der Würenlinger Pfarrer zwang schliesslich den Geist mit Weihrauch unter Husten und Fluchen in eine Weinflasche und warf diese von der «Teufelskanzel» ins Schrännenloch, wo sie mit dem Geist im Bächlein versank. Lange schien es dem «Lindegiger» nicht in der nassen Tiefe zu gefallen. Bald tauchte er in der Linde auf dem Ruckfeld auf, wo er seither Schabernack treibt und nachts seine gespenstischen Melodien spielt.

Sage ist auch heute noch aktuell

In neuer Zeit hat sich der «Lindegiger» zwar rargemacht und die Geige schon lange nicht mehr auf einem Ast der Linde gespielt. Aus den Köpfen der Menschen in der Region ist die Sagengestalt jedoch nicht verschwunden – auch wegen der «Gigerlinde», die das Ruckfeld prägt. «Der ‹Lindegiger› ist die wichtigste Sage der Region und immer noch aktuell», sagt der Endinger Gemeindeammann Lukas Keller. So war die Sage 1998 Motto des Jubiläumsfestes «1200 Jahre Endingen/Unterendingen». «Lindegiger» hiess auch die Dorfzeitung, die vor kurzem durch den regionalen «Surbtaler» abgelöst wurde.

Und vor dem Restaurant Sonnenblick, dem früheren Gasthof «Zu den drei Sternen», steht heute eine Skulptur des «Lindegigers». Anders als in der Sage des «Lindegigers» ist der Wein im Wirtshaus heute aber rein.