«Im Dachgeschoss, das über zwei Estriche verfügte, flogen jahrelang Tauben ein und aus und alles war übersät mit Vogelkot und Fliegendreck. Darunter kam ein Schatz zum Vorschein, den man mit blossen Händen nicht anzufassen getraute», schreibt Nelly Marksitzer in ihrem E-Mail an die az. Die 77-Jährige ist die Frau von Heinz Marksitzer. Das Ehepaar wohnt in Wiedikon. Heinz Marksitzer wiederum ist der Urenkel von Samuel Daniel Guggenheim (1829–1910), dem Mazzenbäcker von Lengnau.

Abbruch im Jahr 2013

Doch der Reihe nach: Im Jahr 2013 verlor die jüdische Gemeinschaft im Surbtal ein bedeutendes Kulturobjekt. Die letzte Schweizer Mazzenbäckerei wurde abgerissen. Mit dem Abbruch verschwand ein wichtiger Zeuge der jüdischen Kultur aus dem Dorfbild von Lengnau. Das 1813 erbaute Haus diente zunächst als Wohnung, als Sitzungslokal für die jüdische Vorsteherschaft und als Gemeindeversammlungslokal. Im Keller war ein gemeindeeigenes Reinigungsbad – eine Mikwe – eingerichtet. 1875 erwarb Samuel Daniel Guggenheim das Gebäude und richtete eine Mazzenbäckerei ein. Er belieferte unzählige jüdische Gemeinden vom Elsass über Süddeutschland bis nach Österreich mit dem Fladenbrot aus ungesäuertem Teig (siehe Box).

Nach dem Tod des Mazzenbäckers 1910 war niemand aus der Nachkommenschaft bereit, das Haus zu übernehmen, was dazu führte, dass sich sein Zustand zunehmend verschlechterte. Seit dem Auszug der letzten Bewohner 1972 stand das Gebäude leer.

In den 1980er-Jahren räumte Guggenheims Urenkel Heinz Marksitzer das Dachgeschoss des Wohnhauses, das zur Bäckerei gehörte, leer. Der Wert dessen, was der Erbe zutage förderte, blieb zunächst unentdeckt. Es waren Bestellungen zu Pessach (jüdisches Osterfest) auf vorgedruckten Formularen und Postkarten an die Adresse der Mazzenbäckerei, Gruss- und Glückwunsch-Karten und zu guter Letzt auch einige hübsche Ansichtskarten. Die Fundstücke datieren aus den Jahren 1885 und folgenden. Zunächst wurden sie bei der Tochter gelagert. «Erst später haben wir sie zu uns genommen. Danach ging die Schachtel mit ihrem Inhalt Jahrzehnte vergessen», sagt Nelly Marksitzer. Ein Zeitungsartikel in der az aus dem Jahr 2016 rief die Mazzenbäckerei wieder in Erinnerung. Die Marksitzers reichten Kopien ihrer Trouvaillen an einen Historiker weiter. «Der sagte uns, es gebe sonst niemanden, der noch so etwas besitze», sagt Nelly Marksitzer.

Für Projekt Doppeltür?

Wie wertvoll die Dokumente sind, weiss sie nicht. «Wir sind aber der Meinung, dass man sie irgendwo ausstellen und der Öffentlichkeit zugänglich machen sollte», sagt sie. Das Paar denkt dabei an den Jüdischen Kulturweg in Endingen und Lengnau oder an das jüdisch-christlichen Vermittlungsprojekt Doppeltür, das im Surbtal geplant ist.