Heinz Meier will nicht mit seinem richtigen Namen genannt werden. Dem Mittfünfziger ist die Frage unangenehm. Er steht an der Zapfsäule der OMV-Tankstelle, einen Steinwurf von der Grenze entfernt an der Hauptstrasse nach Waldshut. Er füllt seinen Wagen – mit Aargauer Kennzeichen – mit Diesel. Warum tankt er hier? «94 Cent kostet hier der Liter Kraftstoff». In Koblenz, auf der anderen Seite des Rheins, blättert man für das gleiche Gemisch bis zu Fr. 1.38 hin. Kursbereinigt ergibt sich eine Differenz von 34 Rappen je Liter. Bei einem Tankvolumen von 60 Litern spart Meier 21 Franken.

Die Diesel-Preise in Deutschland sind im Keller. Wegen des anhaltenden Preiszerfalls und des starken Frankens hat sich das Blatt bei den Tankstellenbetreibern gewendet – zum Nachteil der Schweizer Anbieter. Jahrelang waren Zapfsäulen ein beliebtes Ziel für Benzin-Touristen aus Deutschland.

Von den Auswirkungen bleiben auch die Tankstellenbetreiber im Bezirk Zurzach nicht verschont. Rund ein Dutzend warten in unmittelbarer Grenznähe um Kundschaft. Vergebens. Die Umsätze sind massiv eingebrochen. «In der Grenzregion ist es dramatisch», bestätigt Ramon Werner. «Hier verlieren einzelne Tankstellen bis zu 60 Prozent Umsatz», sagt der Geschäftsführer der Oel-Pool AG in Suhr, zu der die «Rudi Rüssel»-Tankstellen gehören. Das Unternehmen hat Standorte in Koblenz, Klingnau und Döttingen. «Wenn wir alle Kosten berechnen, dann rentieren viele Tankstellen in diesen Gebieten nicht mehr», so Werner.

In der Branche herrscht grosse Unsicherheit. Die Rede ist von 1500 Tankstellen, die schweizweit von Schliessungen betroffen sein sollen. Francesca Romano, Sprecherin der Branchenorganisation Erdölvereinigung Schweiz, hält diese Zahl für reine Spekulation und Panikmache. Auf konkrete Zahlen will sich auch Ramon Werner nicht festlegen. «Sollte der Wechselkurs aber unverändert bleiben, dann werden in der Grenzregion einige schliessen müssen», prophezeit er.

Mit voller Wucht trifft der Preiskrieg vor allem Anbieter, die über ein kleineres Netz verfügen und ihre Standorte nicht beliebig quersubventionieren können. Zu ihnen gehört die Voegtlin-Meyer AG mit Sitz in Windisch. Sie betreibt in Kleindöttingen und Schwaderloch Tankstellen. «Kurzfristig kommen wir über die Runden. Wenn die Entwicklung aber länger anhält, wird es prekär», sagt Joël Bellmann, Leiter Tankstellen. Auch Mineralölimporteur Avia, der in Koblenz und Kleindöttingen vertreten ist, kämpft mit Umsatzeinbussen. Geschäftsführer Patrick Staubli ist mit Prognosen aber zurückhaltend. «Weil diverse betriebswirtschaftliche Faktoren den Entscheid zur Führung einer Tankstelle beeinflussen.»

Trotzdem sind sich Mineralöl-Firmen und die Erdölvereinigung in einem Punkt einig: Wegen des tobenden Preiskampfs werden die vorhandenen Überkapazitäten schneller als erwartet abgebaut. «Es macht derzeit tatsächlich keinen Sinn, weitere Tankstellen zu eröffnen», sagt Ramon Werner.

Mehrere hundert Franken gespart

Heinz Meier hat inzwischen seinen Mittelklassewagen vollgetankt. 62 Liter. Er wohnt in Koblenz und arbeitet am Flughafen Zürich. Hin und zurück 82 Kilometer. Er rechnet vor: «Bei 220 Arbeitstagen jährlich macht das rund 18 000 Kilometer.» Sein Pw verbraucht durchschnittlich knapp sechs Liter auf 100 Kilometer. «Die Rechnung ist simpel: Ich spare mehrere hundert Franken nur mit dem Arbeitsweg.» Heinz Meier ist in bester Gesellschaft. Hinter ihm wartet bereits der nächste Kunde. Ein Mazda mit Zürcher Nummernschild.