Felsenau

Dem Berg haben sie täglich 250 Tonnen Gestein abgerungen

Die Kreuzung auf der 1. Etage mit englischer Weiche im Bergwerk anno 1950. ZVG

Die Kreuzung auf der 1. Etage mit englischer Weiche im Bergwerk anno 1950. ZVG

Der 90-jährige Walter Schiess erinnert sich an seine Zeit als Betriebsleiter im letzten Gipsbergwerk der Schweiz. Zu seiner früheren Tätigkeit hat er einiges zu sagen und schwelgt in Erinnerungen.

An der Gischbergstrasse ist man dem Himmel ein Stück näher als unten im Aaretal. Als Walter und Doris Schiess vor über 40 Jahren hier ihr Haus bauten, waren sie fast alleine auf weiter Flur. Heute leben sie am Rande eines stattlichen Quartiers. Der Job hatte Walter Schiess aus dem Baselbiet in den Aargau verschlagen: Die Gips-Union hatte ihn von ihrem Werk in Zeglingen in das von Felsenau versetzt und damit gleichzeitig von einem Übertag- in ein Bergwerk.

Ein glücklicher Zufall

Es ist kaum zu glauben, aber wahr: Im Januar hat Walter Schiess seinen 90. Geburtstag gefeiert. In der gemütlichen Stube – beobachtet von Hunderten von grossen und kleinen Eulen, der Sammelleidenschaft von Doris Schiess – schwelgt der Hausherr bei einer Tasse Kaffee in Erinnerungen. Zum Bergbau kam er durch Zufall.

Seine ungebrochene Begeisterung lässt keinen Zweifel aufkommen: Es war ein glücklicher Zufall! «Ich hatte eine kaufmännische Lehre gemacht und war in den 50-er Jahren als Buchhalter in einer Baufirma in Läufelfingen tätig. Als ich Vorschläge für gewisse Verbesserungen der Arbeitsabläufe auf dem Bau vorbrachte, war der Firmeinhaber so begeistert, dass er mich kurzerhand zum Bauführer machte.» Als solcher hatte Schiess mit der Gips-Union zu tun, die ihn schliesslich als Betriebsleiter für ihren Baugips- und Bauelemente-Werkes in Zelglingen abwarb.

150 Meter unter der Erde

1968 kam er in dieser Funktion ins Bergwerk Felsenau. «Es war ein aus fünf Etagen bestehendes System von Stollen mit einem Querschnitt von je rund sechs Metern. Zu jener Zeit waren darin rund 25 Arbeiter beschäftigt. Im Verlauf der Jahre wurden immer mehr Menschen durch Maschinen ersetzt.» 80 Meter unter dem Plateau von Reuenthal sind die Arbeiter in den Berg eingefahren; die Schrägstollen führten hinunter bis in 150 Meter Tiefe. «Es gab insgesamt 25 Kilometer Geleisewege, auf denen kleine Loks die Loren zogen, dort unten ‹Stollenhunde› genannt, also die offenen Wagen, auf welche der Gips geladen wurde. Später wurden sie von Dieselfahrzeugen abgelöst.»

Abgebaut wurde unter dem Grundwasserspiegel des Rheins. Dank dichtem Gestein ist von dort kein Wasser eingedrungen. Trotzdem schrillte nicht selten ausserhalb der Arbeitszeiten das Alarmtelefon bei Familie Schiess: «Mit Sickerwasser hatten wir immer wieder zu kämpfen. Bei grossen Wassermassen mussten wir die freiwillige Feuerwehr aus der deutschen Nachbarschaft aufbieten. Im Gegensatz zu unserer Feuerwehr war sie mit einem Dieselaggregat ausgerüstet. Benzindämpfe sind in Stollen tödlich.»

Der Gipsstaub hingegen sei unschädlich, da er kein Silicon enthalte. Aber durstig macht er doch sicherlich? «Bergleute sind immer durstig», lacht Schiess verschmitzt, doppelt aber nach, dass Alkohol selbstverständlich tabu gewesen sei. Bergleute hätten ein besonders gutes und enges Verhältnis untereinander. «Das ist notwendig, kann im Berg gar überlebenswichtig sein.» Strahlend erinnert sich der 90-Jährige an all die 4. Dezember: «Das ist der Namenstag der heiligen Barbara, der Schutzpatronin der Bergleute. Das wurde immer richtig schön gemütlich gefeiert.»

Betriebsleiter und Sprengmeister

Auch Betriebsleiter sei er täglich im Berg auf Kontrollgängen gewesen. «Vor allem aber hatte ich einen Kurs als Sprengmeister gemacht und trug die entsprechende Verantwortung.» Eine Equipe hatte tagsüber die notwendigen Löcher gebohrt – für eine Sprengung waren es 58. «Am Anfang wurde mit Pressluft gebohrt. Die elektrischen Maschinen, die darauf folgten, bohrten innert 5 Sekunden Löcher von 3,4 Meter Tiefe.» Gesprengt wurde wegen der Abgase nach Feierabend, nach 17 Uhr, erst pyrotechnisch mit Zündschnüren, später elektrisch. «Täglich haben wir aus dem Berg rund 75 Kubikmeter Stein gesprengt, was einem Gewicht von etwa 250 Tonnen entsprach. Diese Menge musste am anderen Tag erst im Berg verladen und ans Tageslicht befördert, dort auf Lastwagen gekippt und zum Weitertransport an den Bahnhof gefahren werden.»

Walter Schiess blieb Betriebsleiter im Bergwerk an den Fullerhalden, bis es 1989 den Betrieb einstellte und damit zwei Jahre über das AHV-Alter hinaus. Und als er über 70 war, hat die Stiftung Gipsbergwerk Schleitheim (SH) nach ihm gerufen. Jenes Werk war schon viel früher stillgelegt worden, doch hatte die Familie des letzten Betreibers 1938 ein Museum eingerichtet, das 1996 erneuert wurde. Unter der Leitung von Walter Spiess wurde der teils eingestürzte Zugangsstollen 1992 wieder begehbar gemacht.

www.randental.ch

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