Beim Haus der Familie Schlegel klingen klassische Melodien auf der Strasse, wenn Tochter Jasmin in die Tasten ihres Pianos greift. Einen grossen Teil ihrer Zeit verbringt sie mit dem Einüben von Concertos und Sonaten, die sie mit grossem Erfolg an Konzerten oder Musikwettbewerben vorführt.

Der musikalische und emotionale Höhepunkt ihrer noch jungen Laufbahn war der «Concours Crescendo» in Genf. Dies ist ein internationaler Musikwettbewerb für begabte Kinder, an dem Jasmin Schlegel zu einer der zwei Siegerinnen in ihrer Altersgruppe gekürt wurde. Sie führte unter anderem ihr Lieblingsstück «La fille aux cheveux du lin» von Debussy auf. Als Highlight konnte sie im Finale begleitet von einem Orchester das 5. Klavierkonzert von Johann Sebastian Bach spielen. Die Siegerpreise an Wettbewerben sind für Jasmin nebensächlich. Die Ehre, an einem Anlass aufzutreten und die Freude, eine mitreissende Darbietung zu geben, stehen im Vordergrund.

Dass die Künstlerin in der Musikszene für Aufsehen sorgt, überrascht angesichts ihres zarten Alters von elf Jahren nicht. Jasmin spielt schwierige Stücke von Mozart, Bach, Chopin, Debussy, die auch weltberühmte Pianisten an ihren Auftritten spielen.

Zwei bis drei Stunden täglich üben

Veronika und Reto Schlegel, Jasmins Eltern, wurden auf das Talent ihrer Tochter aufmerksam, als diese mit vier Jahren aus dem Gehör ein Stück spielte, das ihre Mutter kurz zuvor vorgetragen hatte.

Bevor Jasmin Unterricht an der Musikschule (ÜMS) in Endingen nehmen konnte, musste sie ihren Eltern versprechen, jeden Tag eine Viertelstunde zu üben. Bald aber war die Jungpianistin an der regionalen Musikschule unterfordert. Um eine individuellere Betreuung zu erhalten, wechselte sie zur russischen Pianistin Irina Daniluk nach Embrach ZH. Da Jasmin aufgrund der russischen Abstammung ihrer Mutter zweisprachig aufgewachsen ist, konnte sie schnell eine gute Beziehung zu ihrer Lehrperson aufbauen. Mittlerweile stehen regelmässig fünf Kompositionen auf einmal zum Üben an. Jasmin schätzt: «Täglich übe ich zwei bis drei Stunden.» Motivation durch Fremdpersonen braucht Jasmin nur selten. In den wenigen Momenten, in denen Jasmin keine Lust aufs Musizieren habe, könne man sie spielend leicht animieren, indem man sie bittet, ein Stück vorzuspielen. Die Lust zu spielen, kommt dann von alleine, meint ihre Mutter.

Lampenfieber: «Positive Aufregung»

Jasmin Schlegel betont: «Die Begeisterung an der Musik ist die treibende Kraft meiner Fortschritte.» Freude sei der Schlüssel zum Erlernen jedes Instruments. So beschreibt sie Lampenfieber vor Konzerten als «positive Aufregung», die sich im Verlauf des Auftritts in geniesserische Zufriedenheit verwandelt.

Die Zeit für das Klavierspiel findet Jasmin problemlos, da ihr die Schule keine Mühe bereitet. Reto und Veronika Schlegel ziehen es nun in Erwägung, ihre Tochter in einem Begabtenförderprogramm anzumelden, damit diese entweder mehr betreute Stunden in Anspruch nehmen oder ein zweites Instrument erlernen kann. Jasmin gefällt der weiche Klang des Saxofons. Nebst Musik und Schule trainiert die Elfjährige Kunstturnen im Kreis ihrer Freundinnen beim Turnverein Obersiggenthal. Für Jasmin ist das ein willkommener Ausgleich zum Musizieren.

Obwohl Jasmins Vorbild der berühmte russische Profimusiker Jewgeni Kissin ist, hegt sie noch keine Absicht, Konzertpianistin zu werden. Sie meint: «Es wäre schön, wenn meine Zukunft etwas mit Klavier zu tun hätte. Man darf aber nicht vergessen, dass es noch andere Dinge im Leben gibt.»

J.S. Bach, Concerto Nr. 5 in f-Moll 1. Allegro, BWV 1056 – Finale Concours Crescendo, das bisherige Karrierehighlight.

Claude Debussy, La fille aux cheveux du lin – das Lieblingsstück von Jasmin.

Franz Schubert, Impromputs Nr. 2 in Es-Dur op. 90 D899 – Jasmin spielt.