Bad Zurzach

Das Drehorgeltreffen war ein Publikumsmagnet – trotz Hitze und Badenfahrt

Das 29. Drehorgeltreffen mit Floh- und Antiquitätenmarkt war ein Erfolg.

«Fliege mit mir in die Heimat» schmettern die Stammtischler, sechs gestandene Mannsbilder aus Wutöschingen (D). Dazu spielen sie Bass, Banjo und natürlich Drehorgel. Im Publikum singen viele spontan mit. Die Sonne brennt. Die Stimmung ist heiter. Und von jeder Strassenecke erklingt eine andere Melodie. «Griechischer Wein» tönt es aus dem Leierkasten von einem Spieler aus Aarburg. Ein Mann fängt dazu an zu tanzen und scheint dabei seine Krücken vergessen zu haben, auf die er sich stützt. Reinhard und Gerda Horn aus Wängi versuchen sich auf ihren zwei Instrumenten synchron und geben «Il Silenzio» zum Besten. Aber ihr tut das Handgelenk weh, mit dem sie seit Stunden an der Kurbel dreht.

Ein anderer Spieler scheint von seinen Gefühlen übermannt zu werden. Plötzlich intoniert er für seine Partnerin lauthals «Oh sole mio». Mit einem ganz passablen Bariton. 61 Drehorgelspieler haben sich für das 29. Drehorgeltreffen in Bad Zurzach gemeldet. Meistens sind es Ehepaare wie Martin und Louise Zumbach aus Baar, die ihr Hobby seit vielen Jahrzehnten pflegen. Er wird demnächst 85 Jahre alt. Seine Drehorgel hat er selber zusammengebaut. «Aus Kostengründen», wie er sagt. Ein schönes Instrument könne schon mal auf 15 000 Franken oder mehr zu stehen kommen. Eigenhändig hat er Abertausende von kleinen Messingstiften auf der Walze fixiert, die während des Drehens das Clavis nach oben drücken.

Ständchen am 29. Drehorgeltreffen in Bad Zurzach

Ständchen am 29. Drehorgeltreffen in Bad Zurzach

Bruno Leoni aus Brugg steht mit seinem «Baby» unter einem Sonnenschirm, damit die Metallrohre von der Hitze nicht verzogen werden. Wie viel er für sein Sondermodell der bekannten Orgelbauerfirma Raffin aus Überlingen bezahlt hat, will er nicht verraten. «Weltweit gibt es davon nur 10 Exemplare», bekundet er aber nicht ohne Stolz. Die meisten Drehorgelspielerinnen und -spieler sind adrett im Stil der Zwanziger Jahre gekleidet. Die Kapuzineräffchen, die früher die vom Publikum hingeworfenen Münzen einsammelten, haben allerdings Plüschtieren Platz gemacht.

Lara Stürmer von Bad Zurzach Tourismus organisiert das Drehorgeltreffen gemeinsam mit Georg Dietschi. Auch er ein passionierter «Örgeli-Spieler», der mit seiner Frau Theres im Duo auftritt. Gab es einen Besuchereinbruch wegen der Badenfahrt? «Nein», sind sich beide einig, «wir sprechen ein ganz anderes Publikum an und rechnen mit etwa 4000 Leuten wie die Jahre davor.» Anziehungspunkt sind neben den Drehorgeln auch die 77 Antiquitäten- und Essensstände.

Kein Ramsch

Ramsch wie auf anderen Flohmärkten findet man in Bad Zurzach praktisch nicht. «Wir legen grossen Wert auf erlesene Waren, auch wenn sie ihren Preis haben», erzählt Dietschi. So sieht man denn eine alte Trompete neben einer antiken Kaffeemühle, japanische Laternen aus Seide, kostbare Spitzenwäsche, alte Trachten und ein Stand mit Trockenfleischwürsten.

Mittendrin immer wieder Drehorgelkästen, die mit Leidenschaft zum Klingen gebracht werden. Der jüngste Spieler, Janik Meier aus Weiskirchen (D) ist erst 14. Das Spektrum der Lieder hat sich im Laufe der Zeit verändert. Zwischen alten Schlagern und Gassenhauern streift beim Herumschlendern auch mal ein Hit aus den Charts das Ohr. Helmut Seitz aus Weissenhorn (D), den sein Hobby schon nach Polen, Tschechien, Ungarn, Slowenien und Holland gebracht hat, meint: «Das Drehorgelspielen ist wie ein Virus. Wenn er Dich einmal gepackt hat, wirst Du ihn nicht wieder los.» Damit spricht er allen Beteiligten aus dem Herzen.

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