Die änet em Bach» oder «Die änet em Berg» trifft auf Döttingen und Klingnau nicht zu, weil die beiden Gemeinden im Unteren Aaretal weder durch einen Bach, noch durch einen Berg getrennt sind, wohl aber durch eine seit vielen Jahrzehnten bestehende Trennlinie in den Köpfen und in den Herzen.

Weshalb sich die Döttinger und Klingnauer nicht grün sind, lässt sich heute nur noch schwer nachvollziehen. Die Hintergründe sind diffus. Während die Klingnauer den Döttingern Überheblichkeit vorwerfen und der Meinung sind, ihre Nachbarn würden nicht richtig ticken, nehmen die Döttinger den Klingnauern übel, dass sie sich – als es noch ausreichend Gaststätten gab – hin und wieder auf einen Beizenbummel nach Klingnau begaben, die Klingnauer sich aber nie nach Döttingen bemühten.

Feststeht: Die beidseitige Ablehnung wird gepflegt und flackert bei jeder günstigen und ungünstigen Gelegenheit neu auf. Jüngstes Beispiel ist die geplatzte Gemeindefusion vor wenigen Monaten. Nach Einschätzung der Klingnauer weigerten sich die reichen Döttinger, mit einem armen Schlucker zusammenzugehen, während die Döttinger keinen Anlass sahen, sich ohne Not an die schmale Brust der Klingnauer zu werfen. Das Geld spielte beim doppelten Nein der Döttinger die entscheidende Rolle.

Inzwischen haben sich die Gewichte steuerfussmässig zugunsten der Klingnauer respektive zuungunsten der Döttinger verschoben. Dass die lieben Nachbarn den Steuerfuss in einem Schwung von 80 auf 105 Prozentpunkte erhöhen müssen, löst bei den Klingnauern keine Jubelstürme aus. Bei genauem Hinsehen entdeckt man aber doch auf dem einen oder anderen Klingnauer Gesicht ein leicht schadenfreudiges Lächeln.

Alteingesessene Döttinger und Klingnauer erinnern sich, dass in früheren Zeiten die Frauen der Hauptstreitpunkt zwischen den Nachbargemeinden waren. Beide Seiten fürchteten, die Nachbarn könnten unter dem Hag hindurch fressen und die Demarkationslinie nicht respektieren. Handgreifliche Auseinandersetzungen um die holde Weiblichkeit sollen vor einem Jahrhundert an der Tagesordnung gewesen sein.

Daneben gab es aber auch die grosse Streitfrage um den Wein: Wer produziert Fusel und wer Qualitätswein? Inzwischen weiss man, dass beide Seiten in der Lage sind, einen guten bis sehr guten Tropfen herzustellen.

Für Aussenstehende interessant sind die kleinen Episoden mit Bezug auf das angespannte Verhältnis der Döttinger und Klingnauer. Lange Zeit kursierte der Spruch, das Schönste an Döttingen sei die Strasse nach Klingnau. Ein Klingnauer berichtet, seine Frau sei in einer Metzgerei stets als «die Dame aus der Stadt» begrüsst worden. Überhaupt litten die Döttinger stets darunter, nur ein Dörfli zu sein, während die Klingnauer stolz darauf verwiesen, in einem Städtli zu leben.

So fürchteten die Klingnauer – oder zumindest ein Teil davon – bei einer Fusion gehe das Stadtrecht verloren. Was die konkreten Vorteile eines Stadtrechts sind, konnte indes niemand glaubhaft erklären.

Nicht geklappt mit der Zusammenarbeit hat es beim Schwimmbad und bei den Fussballplätzen. Sie werden nach wie vor im Alleingang betrieben. Neben den vielen Reibungspunkten gibt es aber auch Belege, dass es die Döttinger und Klingnauer durchaus miteinander können, wenn sie nur wollen.

Eine enge Zusammenarbeit besteht in den Bereichen Schule, Feuerwehr, Abwasser, Bibliothek, Jugendarbeit, Altersheim, Kirchgemeinden und Wasserverbund. Letzterer macht es möglich, sich bei Bedarf gegenseitig auszuhelfen.

So schlimm kann es also nicht stehen um den Dorffrieden zwischen Klingnau und Döttingen. Auch in diesem Fall trifft die alte Weisheit zu, dass sich neckt, was sich liebt. Solange sich die Sticheleien auf Schnitzelbänke an der Fasnacht beschränken und nicht in handfeste Schlägereien ausarten, ist im unteren Aaretal die Welt mehr oder weniger in Ordnung.