Ein Arzt und eine Patientin sitzen vor Gericht. Der 58-jährige Arzt, Deutscher, war wegen Tätlichkeiten per Strafbefehl zu 500 Franken Busse verurteilt worden, wogegen er Einsprache gemacht hatte. Die gleichaltrige Patientin, Französin, sollte wegen Hausfriedensbruch und Drohung zu einer bedingten Geldstrafe von 700 Franken und 300 Franken Busse verurteilt werden. Sie und er sind mit ihren Anwälten erschienen. Beide sind zugleich Kläger und Beklagte.

Als Zeugin nimmt zuerst die Ehefrau des deutschen Arztes vor Einzelrichter Cyrill Kramer Platz. Seit fünf Jahren lebt sie von ihrem Mann getrennt, arbeitet aber, zuständig vorwiegend für administrative Belange, weiterhin in dessen Praxis.

Die Frage des Richters, ob sie sich an das Geschehen an jenem Vormittag im Februar 2017 erinnere, beantwortet die Zeugin mit einem klaren Nein. «Aber mein Mann hat mir vorhin in der Praxis das Protokoll der Angaben, die ich bei der Polizei gemacht hatte, zum Lesen gegeben.» Demnach soll die Patientin sich nach Verlassen des Sprechzimmers über die «schlechte Behandlung durch den Arzt» beschwert haben.

Danach habe sie die Praxis verlassen, sei aber innert Kürzestem noch dreimal zurückgekommen und habe gesagt, dass dies «ein Nachspiel» haben, dass sie den Arzt «schlechtmachen» und zur Polizei gehen würde.

Sie sei zum ersten Mal bei dem Arzt gewesen, so die Patientin, weil sie gespürt habe, dass bei ihr etwas nicht stimme. «Als der Doktor nach der Untersuchung sagte, es sei alles in Ordnung, habe ich ihn gebeten, dies nochmals genau zu prüfen, was dieser verweigerte. Dann hat er mich rausgeschmissen.» Sie habe Angst gehabt, Krebs zu haben.

Später habe eine andere Fachärztin eine nicht gravierende Veränderung an einem Organ diagnostiziert. Nach dem Rausschmiss – den die 58-Jährige mit höchster Dramatik schilderte – hatte sie umgehend ihren Hausarzt aufgesucht, der an ihrer rechten Brust ein 9 × 4 Zentimeter grosses Hämatom feststellte. «Das war der Arzt. Denn der hatte nicht nur ‹raus› geschrien, sondern mich am Kragen gepackt, hochgehoben und zur Tür geschleppt und mich auch auf die Brust geschlagen.» Ob mit der flachen Hand oder der Faust, könne sie nicht sagen.

Beschwerden und häusliche Gewalt

Nachdem die Staatsanwaltschaft beim Arzt vorstellig geworden war, hatte dieser, wegen der an seine Adresse ausgestossenen Drohungen, seinerseits Strafanzeige gegen die Patientin erstattet. Ja, er habe laut «raus» gesagt, aber er habe sie weder am Kragen gepackt noch geschlagen, sondern sie mit seiner flachen Hand auf ihrem Rücken zur Tür geschoben. «In den 32 Jahren als Arzt habe ich so etwas noch nie erlebt. Das war eine absolute Ausnahmesituation.»

Immerhin – so Cyrill Kramer – lägen der kantonalen Patientenstelle fünf Beschwerden gegen ihn vor. Es seien, kontert der Arzt, «höchstens zwei Beschwerden». Auf die Frage von Cyrill Kramer, ob ihr Mann zu Gewalttätigkeit neige, hatte dessen (Noch-)Ehefrau solches vehement verneint.

Aber, so der Richter, da sei doch 2013 etwas gewesen? «Wir haben damals gestritten. Das kommt doch in den besten Familien vor.» Ja schon, aber längst nicht immer müsse die Polizei wegen häuslicher Gewalt ausrücken, gab der Richter zu bedenken, worauf die Frau verschämt nickte.

Die beiden Anwälte forderten – klar doch – Freisprüche. Sie betonten die hohe Glaubwürdigkeit des Mandanten respektive der Mandantin. Beide legten sich besonders in Sachen Schuldzuweisung an die Adresse des Kontrahenten, der Kontrahentin tüchtig ins Zeug, liessen kein gutes Haar an ihnen und sparten auch nicht an teilweise dramatischen Schilderungen dessen, was sich innert weniger Minuten in der Praxis abgespielt habe.

Der Anwalt des Arztes verlangte gar 3000 Franken Schadenersatz und dass die Patientin für sämtliche Verfahrenskosten sowie teilweise für seine Anwaltskosten aufkommen müsse. Die Urteile werden schriftlich eröffnet.