Unbeschreiblicher Jubel, Freudentänze und stehende Ovationen. So euphorisch fasste der Chronist vom «Badener Tagblatt» die Geschehnisse vom 21. April 1996 zusammen. Die Weissensteinhalle in Würenlingen erzitterte in ihren Grundfesten, heisst es weiter. Es war vollbracht. Nach dem 32:31-Sieg gegen den TV Uster stand der erstmalige Aufstieg der Handballer des TV Endingen in die Nationalliga A auch mathematisch fest.

Die frohe Kunde verbreitete sich rasch über die Region hinaus – bis nach Bundesbern. Sportministerin Ruth Dreifuss überbrachte per Telegramm ihre Glückwünsche. Die damalige Bundesrätin, deren familiäre Wurzeln in Endingen liegen, zollte der Leistung auf diese Weise Respekt.

Das Schreiben aus der Hauptstadt wäre aber um ein Haar der etwas komplizierten postalischen Verteilorganisation im Bezirk zum Opfer gefallen. Die Situation rettete schliesslich Dreifuss-Pressesprecherin Dominique Rub. Sie trat höchstpersönlich als Postillon auf den Plan und chauffierte den Brief direkt ins Surbtal.

20 Jahre ist das nun her. Im heutigen Spiel gegen den STV Baden (Aue,
18 Uhr) werden die Helden von damals geehrt. «Als ich die Einladung erhalten habe, bin ich richtig erschrocken», sagt Toni Hasler, der damals mit Werner Locher das Trainerduo bildete, «ich konnte fast nicht glauben, dass das schon
20 Jahre her ist.»

Schnell vergeht die Zeit. Deshalb blicken wir mit drei Protagonisten von damals auf die Aufstiegssaison 1995/96 zurück. Präsident Christian Bärlocher, Spieler Daniel Spuler und Trainer Toni Hasler erinnern sich.

Aufstiegsfeier: Bereits nach dem vorletzten Spiel in Dietikon war der Aufstieg so gut wie sicher. Das Team besammelte sich auf dem Heimweg in Lengnau. Von dort aus wurde ein Auto-Corso nach Endingen veranstaltet, wo die Helden triumphal empfangen wurden. Es gab mehrere Feierlichkeiten. Dazu gehörte ein offizieller Empfang durch die Gemeinde. Nach dem Uster-Spiel wurde im Restaurant Rössli gefestet. «Es war absolut crazy, wie in einem Film», erzählt Christian Bärlocher. Die Erinnerungen variieren von Protagonist zu Protagonist. So wird berichtet, dass das Schweizer Fernsehen einen Bericht über den TV Endingen drehte. Unklar scheint, ob dieser am Montag nach dem Aufstieg oder doch erst nach dem ersten NLA-Spiel ausgestrahlt wurde. «Ich kann mich nicht mehr an alles erinnern», gesteht Hasler. Er weiss aber noch, dass der harte Kern am Ende zum Grappa griff. Spuler sagt: «Wir konnten nicht nur Handballspielen, sondern auch ausgiebig feiern.»

Baumeister: Als Basis des Erfolgs wird immer wieder Junioren-Förderer Heinz Schärer genannt. Er ist der Endinger Handball-Vater. «Der eigene Nachwuchs bildete das Gerüst der Mannschaft, alle waren mit dem Verein verwurzelt», sagt Bärlocher. Das eigentliche Phänomen sei aber nicht der Aufstieg gewesen, sondern die nachhaltige Arbeit. Auf diese wird bis heute grossen Wert gelegt.

Trainer: Der TV Endingen wurde in der Aufstiegssaison von einem Trainerduo betreut, das sich perfekt ergänzte. Werner Locher und Toni Hasler zeichneten sich durch ihren freundschaftlichen Umgang aus. «Wir haben sehr gut harmoniert», sagt Hasler. Dazu kam ihre akribische Arbeit. Unter ihnen hielt das Videostudium Einzug.

Präsident: Von 1995 bis 1998 stand Christian Bärlocher dem Verein vor. Unter seine Ägide gelang der erstmalige Aufstieg. «Er war einer von uns», sagt Spuler, «es gab keine Hierarchien.» Hasler ergänzt: «Er hat uns immer den Rücken freigehalten.» Für Bärlocher selbst war wichtig, dass die Finanzen mit dem sportlichen Erfolg Schritt hielten. In seiner Amtszeit stieg das Budget von 150 000 auf 500 000 Franken.

Hallensituation: Die war auch damals prekär. «Ein Dauerthema», sagt Bärlocher. «Wir waren Nomaden», so Hasler. Spuler nennt es ein «riesiges Tohuwabohu». In Endingen gabs nur eine Zweifach-Turnhalle zum Trainieren. Die Mannschaft pendelte für die Trainings und Spiele zwischen Zurzach, Böbikon, Siggenthal, Klingnau, Würenlingen, der Militärhalle in Brugg und dem Tägi in Wettingen. «Wir haben genommen, was uns zur Verfügung stand. Bestrebungen, eine neue Halle zu bauen, so wie jetzt das GoEasy, gab es damals noch nicht», sagt Bärlocher.

Zuschauer: Die Fans waren der grosse Rückhalt. In der Aufstiegssaison drängten sich regelmässig 500 Zuschauer oder mehr in die Hallen. «Je näher der Aufstieg kam, desto voller wurden die Hallen», sagt Bärlocher, «es hat Spass gemacht, die Zuschauer zu hegen und pflegen.» Das Besondere in Endingen: Die Leute kamen auch, wenn es sportlich mal schlechter lief. Und jeder kannte jeden. Egal, ob auf dem Spielfeld oder der Tribüne.

Dorfklub: Der TV Endingen war eine grosse Familie. Die Kellers, Spulers, Knechts und Schneiders bildeten das Gerüst des Teams. Getrübt wurde die Idylle erst mit dem Aufstieg, als man Verstärkungen ausserhalb der Region holte. Bezeichnend, dass von der damaligen Aufstiegsmannschaft nach wie vor viele mit dem TV Endingen verbunden sind.

Geld: Zu verdienen gab es nichts. «Wir erhielten Ende Saison 1000 Franken Spesenentschädigung und eine Turnhose», erinnert sich Daniel Spuler. «Es gab auch keinen Aufstiegsbonus», sagt der Präsident, «nur die Trainer erhielten einen Lohn.» Es wurde bereits drei- bis viermal pro Woche trainiert. Daneben blieb aber genügend Zeit für gemeinsame Aktivitäten, auch im Restaurant. «Wir sassen bis 2 Uhr früh in Endingen auf der Treppe des ‹Rösslis› und diskutierten. Wo gibt es heute so etwas noch», fragt Spuler wehmütig.